Eines Tages kam mein achtjähriger Sohn traurig von der Schule zurück. Ich winkte ihm aus dem Fenster zu, doch anstatt zurückzuwinken, schrie er auf Arabisch: "Papa, stimmt es, dass wir aus Österreich wegmüssen, wenn Hofer gewinnt?"

"Natürlich nicht", antwortete ich überrascht, "komm hoch." Doch er schrie weiter: "Meine Freundin war heute traurig, sie hat mir gesagt, dass sie mich vermissen wird, wenn Hofer Präsident wird. Sie sagt, dass wir Österreich dann verlassen müssen. Ich habe ihr gesagt, ich würde nicht weggehen."

Zuerst machte es mich traurig, dass mein achtjähriger Sohn bereits über so etwas spricht. Doch dann war ich froh, dass es ihm wichtig ist, hier zu bleiben. Seit wir Syrien verließen, haben wir in drei Ländern gelebt, und nie war mein Sohn frustriert, dass wir unsere Umgebung wieder aufgeben und in einer neuen leben mussten. Wir befürchteten, dass unser Sohn ohne Zugehörigkeitsgefühl zu einem Ort oder einer Gemeinschaft aufwächst. Zum Glück lagen wir falsch: Die Freunde, die er gefunden hat, liegen ihm am Herzen. Er liebt das schöne, friedliche Dorf, in dem wir nun leben. Es ist "Heimat" für ihn.

Aber dieses friedliche Dorf, das uns willkommen geheißen hat, überraschte uns im Mai, als es mehrheitlich FPÖ wählte. Etwas fühlte sich falsch an, vor allem weil der Hauptwahlgrund die sogenannte Flüchtlingskrise war; in unserem Dorf gibt es aber nur ein paar von uns.

Wien hingegen, die Stadt, die die meisten Flüchtlinge aufnimmt, hat Grün gewählt. Die Wiener haben offensichtlich am häufigsten mit Flüchtlingen zu tun, täglich im öffentlichen Raum oder in der Arbeit. Vielleicht haben sie verstanden, dass die Herausforderung, Neuankommende zu integrieren, nicht eine dauerhafte nationale Panik, Fremdenfeindlichkeit und die Wahl eines Waffennarren zum Präsidenten rechtfertigt.

Egal wie die Realität aussieht

Leider ist die Stimmung nicht sehr hoffnungsvoll, nicht nur in Österreich oder Europa – die ganze Welt scheint sich darauf vorzubereiten, ein neues Zeitalter des Aufruhrs zu durchleben. Bald könnten wir feststellen, dass die Welt außer Kontrolle gerät. In den vergangenen Monaten vor der Wahl in Großbritannien haben fast alle Finanzinstitutionen die britischen Wähler gewarnt, dass sie ein Brexit ärmer machen würde, die Mehrzahl der Ökonomen sah ein langsameres Wirtschaftswachstum, eine höhere Arbeitslosigkeit und ein abgewertetes Pfund voraus. Trotzdem wählten die Briten den Ausstieg aus der EU. Die Amerikaner entschieden sich für einen Präsidenten, der damit prahlte, jahrelang keine Einkommensteuer gezahlt zu haben, der ganze Gruppen und Religionen verbieten will, dem es nichts ausmacht, öffentlich darüber zu sprechen, wie er Frauen sexuell attackiert.

Nour Alsoliman, 35, lebte in Homs und floh mit seiner Familie nach Dubai, wo er unter anderem für den Sender Al Jazeera arbeitete. Nachdem dort seine Aufenthaltsgenehmigung nicht erneuert wurde, reiste er mit seiner Frau und ihrem Sohn mit einem Touristenvisum im Juli 2015 in Österreich ein und beantragte Asyl. © Privat

Wir leben in einer Welt, in der so ein Mensch der nächste Präsident der heute mächtigsten Macht der Welt ist, und zwar durch einen demokratischen Prozess. Die politische Spitze der Rechten in Europa hat gewetteifert, wer ihm als Erstes gratuliert, sie fühlten sich durch seinen Sieg wohl bestätigt. Die Rechte in Europa gewinnt schon länger an Bedeutung mit ihrem Programm der Anti-Einwanderung. Das scheint Wähler anzuziehen, egal ob die Zahlen stimmen, egal wie die Realität aussieht. Die Überprüfung der Fakten scheint unwichtig.

Ich war bis vor Kurzem optimistisch, trotz der Gräueltaten, die in meinem Land Syrien geschahen und noch immer geschehen. Ich habe geglaubt, dass Gesellschaften toleranter werden, dass wir als Menschheit uns in so vielen Bereichen weiterentwickelt haben: bei Menschenrechten, Geschlechtergerechtigkeit, LGBT-Rechten, der Umwelt, im Gesundheitsbereich. Ich habe es gewagt zu hoffen, dass es eines Tages keine Waffenfabriken mehr gibt.

Dieser Optimismus weicht heute einem Gefühl der Enttäuschung. Immer mehr spricht dafür, dass eine neue Zeit der Zerstörung beginnt. Immer wieder frage ich mich: Werden Demokratien irgendwann versagen? Warum entscheiden sich Wähler einer etablierten Demokratie für Dogmatismus und Fanatismus? Warum werden rechte Parteien immer populärer? Wie kamen wir an diesen Punkt, an dem der erste extrem rechte Präsident in Österreich seit Ende des Zweiten Weltkriegs möglich ist?

Ich beziehe solche Fragen automatisch auf meine eigene Erfahrung als Syrer, der einen hohen Preis für globale Politik gezahlt hat. Ich nehme eine Ähnlichkeit wahr in der Art und Weise, wie Populisten arbeiten. Das Drehbuch, das sie schreiben, ist das gleiche, ein Drehbuch, das letztlich zu größeren Herausforderungen führt, und noch wichtiger, ein Drehbuch, das wir nicht vollständig begreifen, bis es zu spät ist. Zum Beispiel erinnere ich mich daran, als die Mehrheit der Syrer glaubte, alles sei gut, bis dann plötzlich alles außer Kontrolle geriet und die Zerstörung unvermeidlich wurde.