Es war die wichtigste Entscheidung, die Donald Trump für sein künftiges Kabinett zu fällen hatte. Umstrittener hätte er sie kaum treffen können: Nicht ein erfahrener Diplomat oder Politiker, sondern der bisher völlig politikferne Ölmanager Rex Tillerson, Chef des Ölkonzerns Exxon, soll neuer Außenminister der USA werden – und das in weltpolitisch bewegten Zeiten. Er fügt sich in eine ganze Reihe von Managern und Vermögenden, die Trump als Regierungsmannschaft um sich schart.

Tillersen, der das nach dem Präsidenten wichtigste Amt bekleiden wird, hat noch einen weiteren entscheidenden Makel: Er ist ein enger Freund des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Als oberster Diplomat wird Tillerson, wenn er vom Senat bestätigt würde, künftig Amerikas Interessen in der Welt vertreten müssen. Oder eben nicht unbedingt die Interessen Amerikas; das jedenfalls ist die Befürchtung in Washington. Nicht nur Umweltschützer haben die Ernennung des Geschäftsmanns heftig kritisiert, auch republikanische Senatoren – zumindest nominal Parteifreunde von Trump – haben Bedenken angemeldet. Was Senatoren wie John McCain, schon im Wahlkampf entschiedener Gegner vom Trump, vor allem stört, ist die enge Verbindung des Exxon-Chefs zu Putin. "Putin ist ein Gangster, ein Tyrann und ein Mörder und jeder, der ihn anders darstellt, lügt", sagte McCain dem TV-Sender Fox.

Tillerson und Putin kennen sich seit Jahren. 2013 verlieh Putin dem Exxon-Boss wegen großer Investitionen des Konzerns in Russland sogar die Freundschaftsmedaille des Landes.

Tillerson und Putin mögen sich persönlich nahegekommen sein. Doch die beiden brauchten einander auch. Tillerson übernahm den Spitzenjob bei Exxon 2006, in einer Zeit wachsender Herausforderungen. Für Exxon sind die Geschäftsbedingungen – wie für alle großen privaten Ölkonzerne – in den vergangenen Jahrzehnten härter geworden. Die Erschließung neuer Öl- und Erdgasvorkommen ist schwieriger geworden. Das liegt einerseits daran, dass die leichter zu erreichenden Vorkommen bereits verbraucht sind. Aber auch daran, dass die Regierungen ölproduzierender Länder bessere Konditionen fordern oder die Vorkommen lieber von einer nationalen Produktionsgesellschaft fördern lassen.

Vor diesem Hintergrund war es Tillersons Aufgabe, neue Wachstumsquellen zu erschließen. Russland schien ein idealer Partner. Nach Schätzungen von Experten liegen etwa ein Fünftel der bisher unerschlossenen Öl- und Gasreserven der Welt in der Arktis – vorwiegend in dem Teil, den Russland beansprucht. Durch die Klimaerwärmung ist das Gebiet in den vergangenen Jahren leichter zugänglich geworden.

Doch die Erschließung ist für Russland ohne ausländische Milliardeninvestitionen und Know-how kaum machbar. Exxon verfügt mit einem derzeitigen Börsenwert von 385 Milliarden Dollar über beides. 2011 traf sich Tillerson mit Putin und Igor Setschin, einem engen Vertrauten Putins, der den russischen Energiekonzern Rosneft leitet, in Sotschi am Schwarzen Meer. Dort unterzeichnete der Exxon-Chef einen Joint-Venture-Vertrag, der dem US-Konzern den Zugang zur Arktis gewähren sollte. Dann aber nahm Russland die Krim ein und begann die Intervention in der Ukraine. Die USA und die EU verhängten Sanktionen gegen Russland. Das Arktisprojekt, das Exxons Zukunft garantieren sollte, kam ins Stocken.

Tillerson kann seine Verbundenheit zum Konzern kaum ablegen

Tillerson hat sich aus Unternehmersicht deutlich gegen die Sanktionen ausgesprochen. Diejenigen, die sie verhängten, sollten sich überlegen, welchen breiten Kollateralschaden diese Maßnahmen anrichteten und wen sie tatsächlich träfen, sagte er bei der Aktionärsversammlung 2014. Seine Haltung zu den Sanktionen wird deshalb auch in Europa mit Blick auf seine neue Aufgabe äußerst kritisch gesehen.

Tillersons eigenes Vermögen ist eng verbunden mit Exxon. Nach einer Meldung an die US-Börsenaufsicht hält er 218 Millionen Dollar an Exxon-Aktien. Von diesen müsste er sich allerdings als Außenminister trennen, um einen Interessenkonflikt zu vermeiden. Doch selbst wenn Tillerson alle seine Exxon-Anteile veräußert, dürfte er seine innere Verbundenheit zu dem Konzern schwerlich ablegen. Er hat sein ganzes Berufsleben dort verbracht: 1975, direkt nach der Ausbildung zum Ingenieur, begann der gebürtige Texaner bei Exxon. Vom Produktionsingenieur arbeitete er sich hoch bis in die Chefetage. Die Branche nennt Exxons Managerriege – halb ehrfürchtig, halb spöttisch – "god pod": der Sockel, auf dem Götter sitzen. Wer hier arbeitet, ist auf den Exxon way eingeschworen– eine Denkart, die die Ökonomin und ehemalige Exxon-Mitarbeiterin Kathleen Cooper einmal als "sehr intelligent, sehr analytisch, sehr vorsichtig, und vor allem extrem langfristig" beschrieben hat. Es sei eine Welt nüchterner Abwägung. Gefühle, schrieb Cooper, spielten darin so gut wie keine Rolle.