ZEIT ONLINE: Herr Menasse, wie schlimm wäre ein Bundespräsident Norbert Hofer für Österreich? 

Robert Menasse:Norbert Hofer wäre eine Katastrophe nicht nur für Österreich, sondern für ganz Europa. Ohne die Bedeutung der kleinen österreichischen Republik überschätzen zu wollen: Hofer wäre ein deutliches Signal, dass vernünftige, zukunftsweisende europäische Politik nicht mehr funktioniert, ein Signal, dass destruktive rechte Politik unaufhaltsam scheint. Ein Zerfall der Europäischen Union würde damit erneut wahrscheinlicher. Denn in Österreich würde Hofer versuchen, jede Regierung ohne FPÖ-Beteiligung zu destabilisieren. Sein Ziel ist ein blauer, europafeindlicher Kanzler Strache. 

ZEIT ONLINE: Man könnte auch argumentieren, dass es bereits eine Regierung mit Beteiligung der FPÖ gegeben hat. Das Land und die demokratischen Institutionen haben es überlebt. 

Menasse: Zwischen Überleben und Leben besteht ein großer Unterschied. Die Phase von 2000 bis 2006 war eine einzige Serie von Katastrophen. Zwei Drittel der damaligen Regierung sitzen heute auf der Anklagebank. Kein denkendes Gemüt will noch mal erleben, was sich damals an Korruption abgespielt hat. Für die FPÖ war die Regierung quasi ein Selbstbedienungsladen. Es ist mir vollkommen rätselhaft, warum diese Erfahrung im Bewusstsein der Hälfte der österreichischen Bevölkerung nicht mehr vorhanden ist. 

ZEIT ONLINE: Was ist heute anders als im Jahr 2000? 

Menasse:Österreich war schon immer ein strukturkonservatives Land. Es gab in Österreich nie eine politische Mehrheit links der Mitte, die Ressentiments gegenüber der Sozialdemokratie waren und sind groß – mit Ausnahme vielleicht in der Zeit von Bruno Kreisky. Aber im Unterschied zu 2000 schlägt das politische Pendel gerade weltweit nach rechts aus. Diesen Triumphalismus der Rechten gab es 2000 nicht.

Wenn man die Menschen da abholt, wo sie sind, ist man selbst dort.
Robert Menasse

ZEIT ONLINE: Sie haben die FPÖ-Wähler in einem Interview als Faschisten oder Idioten bezeichnet. Ist das in einer solch schwierigen Debatte hilfreich? 

Menasse: Es geht nicht darum, ob es hilfreich ist. Es gilt, die Wahrheit auszusprechen. Es wird immer wieder gefordert, die Sorgen dieser Menschen ernst zu nehmen, ihnen zuzuhören. Sie müssten da abgeholt werden, wo sie sind. Aber was soll das heißen? Ich als Jude will nie wieder wo abgeholt werden. Wenn man die Menschen da abholt, wo sie sind, ist man selbst dort. Und wenn sie sagen: "Wir sind keine Faschisten, aber …", dann sind sie Idioten, die auf eindeutige faschistische Symbole mit Beifall reagieren.

ZEIT ONLINE: Aber sollte man nicht versuchen, diese Wähler zurückzugewinnen? 

Menasse: Was ist damit gewonnen, wenn ich diese Wähler zurückhole, indem ich ihnen verspreche, was ihnen auch die Rechten vorgaukeln? Würde das funktionieren, wäre es auch schon geschehen. Das Gegenteil passiert: Die Christdemokraten und Teile der Sozialdemokraten schwenken immer mehr auf FPÖ-Linie ein, trotzdem kommen die Wähler nicht zurück.

Österreich - "Wir brauchen diese Wahl nicht" Der längste Wahlkampf in der Geschichte Österreichs geht zu Ende. Wie beurteilen Wiener Bürger die Stimmung im Land? © Foto: ZEIT ONLINE