Syriens Präsident Baschar al-Assad hat die Stadt Aleppo für befreit erklärt. Assad gratulierte dem syrischen Volk in einer Videobotschaft. "Was heute in Aleppo passiert, wird Geschichte schreiben", sagte Assad. Die Welt werde danach nicht mehr dieselbe sein.

Nach langem Warten konnten die ersten verletzten Zivilisten die Rebellengebiete von Aleppo verlassen. Das syrische Staatsfernsehen zeigte einen Konvoi von Rettungswagen, der aus dem Ostteil der Stadt herausfuhr. Beobachter und syrische Militärkreise berichteten, dass ein erster Konvoi mit mehreren Hundert Menschen Ost-Aleppo bereits verlassen habe. Angesichts der Lage in der Stadt könnte sich die Evakuierungsmission noch länger hinziehen.

Der prosyrische TV-Sender Al-Mayadeen zeigte ab dem Mittag Bilder einer Kolonne mit grünen Bussen und Krankenwagen des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) und des Syrischen Arabischen Roten Halbmondes, die die Rebellengebiete verließen. Bei einer ersten Fahrt seien 951 Menschen aus der Stadt gebracht worden, hieß es aus syrischen Militärkreisen. Bei einem Drittel davon habe es sich um Kämpfer gehandelt.

Insgesamt sollen den Angaben zufolge etwa 15.000 Menschen aus den Rebellengebieten abtransportiert werden. Neben 5.000 Kämpfern soll es sich demnach um deren Angehörige und um Zivilisten handeln, die sich noch in den eingeschlossenen Gebieten aufhalten. Sie sollen in die Provinz Idlib südwestlich von Aleppo gebracht werden. Diese wird größtenteils von der bewaffneten Opposition kontrolliert.

Die Vereinten Nationen bereiten sich nach eigenen Aussagen darauf vor, dass bis zu 100.000 Menschen nach Idlib fliehen könnten. Die UN seien in Kontakt mit der Türkei, um weitere Flüchtlingslager zu errichten, weil die Menschen möglicherweise auch in der nordwestlichen Provinz nicht in Sicherheit seien, sagte UN-Nothilfekoordinator Jan Egeland.

Noch Zehntausende in Aleppo

In Ost-Aleppo halten sich noch Zehntausende Menschen auf, von denen viele in zerbombten Häusern untergekommen sind. Wegen einer monatelangen Blockade wird die humanitäre Lage dort immer katastrophaler. Es fehlt akut an Trinkwasser, Nahrung und medizinischer Versorgung. Weil es kaum Strom und Treibstoff gibt, können die Menschen trotz der Wintertemperaturen nicht heizen.

"Ich habe noch nie zuvor dieses Ausmaß menschlichen Leids gesehen", wird die Leiterin der IKRK-Mission, Marianne Gasser, in einer Nachricht der Organisation auf Twitter zitiert. "Es ist schwer zu fassen, wie die Menschen überlebt haben", fügte der Regionaldirektor des IKRK, Robert Mardini, hinzu.

Russland will Abzug mit Drohnen überwachen

Der Journalist Zouhir al-Shimale, der für ZEIT ONLINE seit Monaten über die Lage in Aleppo berichtet – unter anderem in der Serie E-Mail aus Aleppo – schreibt, die Evakuierung verlaufe bisher sehr gut. Sehr viele Menschen seien schon aus seinem Viertel rausgebracht worden, vor allem Verwundete.

Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums hatte Präsident Wladimir Putin den Befehl zu der Aktion gegeben. Die syrischen Behörden hätten die Sicherheit aller Rebellenkämpfer garantiert, die bereit seien, die Stadt zu verlassen. Das russische Militär will den Abzug nach eigenen Angaben mit Drohnen überwachen. Der Iran, ein Verbündeter von Syrien, setzte durch, dass zwei von Rebellen belagerte Dörfer evakuiert werden.

Nach Angaben von Rebellen, Aktivisten und Augenzeugen halten sich nicht alle Truppen an Putins Befehl. Einem Rebellenvertreter zufolge wurden Krankenwagen beim Verlassen der Stadt von Assad-treuen Milizen beschossen. Der Syrischen Beobachtungsstelle zufolge sind bei einem Beschuss mindestens drei Menschen verletzt worden. Regimekräfte hätten auf Menschen geschossen, die eine Straße für den Transport hätten freiräumen wollen. Die zivile Rettungsorganisation Weißhelme bestätigte den Vorfall. Sie meldete fünf Verletzte, unter ihnen zwei ihrer Mitarbeiter.

In den vergangenen Tagen war es den syrischen Regierungstruppen mit Unterstützung Russlands sowie schiitischer Milizen unter anderem aus dem Iran gelungen, den seit 2012 von den Rebellen gehaltenen Ostteil Aleppos fast vollständig zurückzuerobern. Dort sind aber noch immer Zehntausende Menschen eingeschlossen. Eine erste Vereinbarung zum Abzug von Zivilisten und Aufständischen und eine Kampfpause, die am Dienstag verkündet worden war, waren am Mittwoch gescheitert.

Am frühen Donnerstagmorgen hatte ein syrischer Militärvertreter dann eine neue Einigung über den Abzug der Rebellenkämpfer verkündet. Er machte allerdings keine Angaben zu Zivilisten und Verletzten, die den Aufständischen zufolge ebenfalls ab Donnerstagmorgen die Stadt verlassen sollten.

Bürgermeister appelliert an EU

Der Bürgermeister des zerstörten Ostteils von Aleppo appellierte am Rande des EU-Gipfels in Brüssel an die europäischen Staats- und Regierungschefs, Beobachter in das Krisengebiet zu schicken. Mehr als 50.000 Zivilisten seien in Gefahr, es müsse sichergestellt werden, dass sie die Stadt verlassen könnten, sagte Brita Hagi Hasan am Donnerstag. "Sie sind kurz davor, massakriert zu werden." Er verlange nicht, dass Länder in den Krieg zögen, er wolle nur den Schutz der Zivilisten, sagte Hasan.

Die Staats- und Regierungschefs wollen die Kämpfe in Syrien und die Rolle Russlands dabei scharf verurteilen, wie aus dem Entwurf der Abschlusserklärung für den EU-Gipfel hervorgeht. Neue Sanktionen zeichneten sich allerdings nicht ab. Hasan soll später auch direkt in der Runde der 28 EU-Chefs sprechen – in der Geschichte der Gipfelrunden ein beispielloses Ereignis. "Die Menschen in Aleppo brauchen nicht weitere warme Worte, sondern echten Schutz", sagte EU-Ratspräsident Donald Tusk nach einem Treffen mit Hasan. Niemand in der EU stehe dem Leiden gleichgültig gegenüber.

Zuvor hatte sich auch Frankreichs Präsident François Hollande dafür ausgesprochen, dass der nach Brüssel gereiste Bürgermeister von Aleppo vom Europäischen Rat empfangen wird, um zu berichten und internationale Solidarität einzufordern. Auch andere Gipfelteilnehmer äußerten sich entsetzt über das Leid der Menschen in der zerstörten Stadt. Österreichs Kanzler Christian Kern sagte, er sei angesichts der dortigen Lage "komplett deprimiert".