Die Evakuierung des Ostteils der syrischen Großstadt Aleppo verzögert sich. Nach Angaben von Rebellen und der oppositionsnahen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte habe noch niemand die Gebiete verlassen können. Wie der Fernsehsender Al-Majadin berichtet, soll sich der Abzug der Rebellen und ihrer Familien noch weitere Stunden hinauszögern. Der Journalist Zouhir al-Shimale, der für ZEIT ONLINE seit Monaten in der Serie E-Mail aus Aleppo aus der belagerten Stadt berichtete, twitterte, dass sich der Abzug noch bis Donnerstag verzögern soll.

Nach Angaben von Rebellen verhindern pro-syrische Milizen, dass Rebellen und Zivilisten aus den bis zuletzt von der Opposition gehaltenen Gebieten abziehen könnten. Hintergrund ist demnach ein Streit zwischen dem Regime und seinem russischen Verbündeten. Demnach ist Syriens Führung unzufrieden, weil Russland die Einigung ohne Abstimmung mit ihr verkündet hatte. Weder von der syrischen Regierung oder aus Moskau gab es dafür zunächst jedoch eine offizielle Erklärung.

Nach Angaben der Hilfsorganisation Médecins du Monde sind noch etwa 100.000 Menschen auf einem Gebiet von lediglich fünf Quadratkilometern im Osten der Stadt eingeschlossen. Ihre Evakuierung sollte der Syrischen Beobachtungsstelle zufolge bereits gegen fünf Uhr Ortszeit (vier Uhr MEZ) beginnen. So warteten etwa im zwischen Rebellen und Regierungstruppen geteilten Viertel Salaheddin etwa 20 Busse. Zuvor waren bereits sechs Busse in den Bezirk gefahren, kamen aber leer zurück. Wie Reporter von vor Ort berichten, warten die Menschen auf Neuigkeiten über die Busse. Viele von ihnen hätten die Nacht unter freiem Himmel verbracht, weil sie wegen der Zerstörungen in der nordsyrischen Stadt obdachlos sind.

Die genauen Bedingungen für den Abzug sind bislang unbekannt. So ist nicht klar, wie viel Zeit die Menschen überhaupt haben, um die umkämpfte Stadt zu verlassen. Auch ob wirklich alle Regimegegner freies Geleit zugesprochen bekommen, ist bislang nicht bekannt. Nach Angaben von Rebellen sollten zunächst Verletzte und Zivilisten herausgeholt werden, dann Rebellen mit leichten Waffen, die entweder in den Westen der Provinz Aleppo oder in die Provinz Idlib im Nordwesten Syriens gehen sollten.

Die Rebellen hatten am Dienstag nach jahrelangen Kämpfen ihren Widerstand in Aleppo aufgegeben. Zuvor hatten die syrische Armee und ihre Verbündeten die östlichen Viertel der Stadt vier Wochen lang fast ununterbrochen bombardiert. Nun befindet sich die Metropole nach russischen Angaben wieder vollständig unter Kontrolle des syrischen Militärs. Mit den Aufständischen habe man sich auf einen Waffenstillstand geeinigt, nachdem diese sich bereit erklärt hätten, die wenigen noch von ihnen gehaltenen Viertel im Osten der Stadt zu räumen. Alle eingeschlossenen Zivilisten würden in Sicherheit gebracht. An der Vereinbarung waren offenbar auch Vertreter der türkischen Regierung beteiligt.

Die US-Regierung indes wurde nicht einbezogen, wie das Außenministerium in Washington mitteilte: Sowohl die Regierung in Ankara als auch der Kreml hätten sie nicht kontaktiert. Ministeriumssprecher John Kirby machte deutlich, dass er nicht mit einer baldigen Lösung für ein Ende des Bürgerkriegs rechnet. "Selbst wenn dies das Ende der Belagerung von Aleppo ist, ist es nicht das Ende des Krieges in Syrien. Er wird weitergehen. Die Opposition wird weiter kämpfen", sagte er.

Die Vereinten Nationen zeigten sich besorgt über Berichte über Gräueltaten nach der Rückeroberung der Stadt. So hätten Regierungstruppen in den vergangenen Tagen mindestens 82 Zivilisten im Ostteil Aleppos getötet, darunter elf Frauen und 13 Kinder aus vier verschiedenen Bezirken. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte, er habe glaubwürdige Berichte über Zivilisten bekommen, die durch willkürlichen Mord durch die Assad-Regierung ums Leben gekommen seien. Das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte zitierte aus Berichten, wonach die Regierungstruppen von Haus zu Haus gegangen seien und dabei Dutzende Zivilisten töteten.

Die amerikanische UN-Botschafterin Samantha Power sprach die Regierung Assad, Russland und den Iran bei einer Rede im UN-Sicherheitsrat direkt an: "Sie tragen die Verantwortung für diese Gräueltaten." Der UN-Botschafter Syriens wies die Vorwürfe indessen zurück. Das syrische Militär habe in Aleppo keine Racheakte an Zivilisten verübt und keine Exekutionen durchgeführt. Die syrischen Kräfte hätten die Bürger im Osten der Stadt von "Terroristen" befreit, sagte Baschar al-Dschafari. "Aleppo ist zur Nation zurückgekehrt."

Die Türkei kündigte unterdessen an, dass sie ein Zeltlager für bis zu 80.000 Flüchtlinge aus Aleppo aufstellen wolle. Vize-Ministerpräsident Mehmet Şimşek gab dies auf Twitter bekannt. Einzelheiten nannte er nicht.

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