Im Prozess gegen die türkische Autorin Aslı Erdoğan hat ein Gericht ihre Entlassung aus der Untersuchungshaft angeordnet. Auch zwei weitere Angeklagte sollen demnach freikommen, unter ihnen die die 70-jährige Übersetzerin Necmiye Alpay. Am ersten Verhandlungstag wurde allerdings zugleich eine Ausreisesperre verhängt.

Seit August saßen sie unter anderem wegen "Versuchs der Zerstörung der nationalen Einheit" und "Propaganda für eine Terrororganisation" im Gefängnis. Ein weiterer Angeklagter bleibt nach dem Beschluss des Gerichts in Untersuchungshaft. Der Prozess soll am 2. Januar fortgesetzt werden.

Den insgesamt neun Angeklagten, die nach dem gescheiterten Putschversuch im Juli festgenommen worden waren, wird außerdem die Mitgliedschaft in der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK vorgeworfen. Ihnen droht lebenslange Haft. 

Erdoğan und die übrigen Angeklagten waren für die pro-kurdische Zeitung Özgür Gündem tätig, die den Behörden als Sprachrohr der PKK gilt. Bei einer Razzia gegen die Zeitung im August war auch Erdoğan festgenommen worden. 

Opposition bezeichnet Türkei als "Hölle für Journalisten"

Vor Gericht wies Aslı Erdoğan die Anklage als lächerlich zurück, wie die Tageszeitung Hürriyet berichtete. Der Abgeordnete Barış Yarkadaş der oppositionellen CHP bezeichnete den Prozess als "Skandal". Der Fall hätte nie vor Gericht gebracht werden dürfen, sagte er. "Die Türkei ist vollständig zur Hölle für Journalisten geworden." Auch die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hatte die türkische Justiz vor dem Prozess scharf kritisiert und den Behörden "Missbrauch des Strafrechts auf Kosten der freien Meinungsäußerung" vorgeworfen.

In der Türkei gilt seit dem gescheiterten Militärputsch der Ausnahmezustand. Nach Medienangaben wurden mehr als 40.000 Menschen in der Türkei festgenommen, unter ihnen Journalisten und Oppositionspolitiker. Mehr als 75.000 zivile Staatsbedienstete, etwa Lehrer, Wissenschaftler und Richter, sowie Angehörige der Armee wurden entlassen, Tausende weitere suspendiert.

Die türkische Regierung wirft ihnen Verbindungen zur Bewegung des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen vor, die sie für den Putschversuch verantwortlich macht. Unter den Festgenommenen sind zahlreiche Journalisten, erst heute wurde die Festnahme des regierungskritischen Journalisten Ahmet Şık bekannt.