In der Ukraine fiel die Einstellung gegenüber dem sowjetischen Erbe nach dem Ende Sowjetunion von Region zu Region unterschiedlich aus. In der Westukraine, vor allem in Galizien, sagte sich die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung schnell und entschieden von allem los, was für die Sowjetunion stand. In der Zentralukraine und in Kiew hielt sich lange Zeit eine Art ambivalentes Modell, das Elemente des sowjetischen Erbes und des ukrainischen Nationalismus vereinte. Im Osten, Südosten und auf der Krim ging die Huldigung sowjetischer Symbole und der sowjetischen Vergangenheit mit der gänzlich antisowjetischen Entfaltung des Großkapitals und des Privateigentums Hand in Hand.

Ein Teil des sowjetischen Erbes waren auch immer die herrschenden Eliten; zu Beginn der Nullerjahre dieses Jahrhunderts stammten noch 80 Prozent der Vertreter der obersten Staatsbürokratie aus der sowjetischen Nomenklatura.

Einen Wendepunkt der Einstellungen zum sowjetischen Erbe markierten die Ereignisse auf dem Maidan in Kiew und die Protestbewegung in der West- und Zentralukraine in der Zeit von Dezember 2013 bis Februar 2014. Die ökonomischen und politischen Gruppen, die das sowjetische Erinnerungsnarrativ mitgetragen hatten – die Partei der Regionen und die Kommunistische Partei – wurden nun entmachtet.

Zum Symbol der Abkehr vom sowjetischen Erbe wurde der sogenannte Leninopad: Zwischen Anfang Dezember 2013 und dem 23. Februar 2014 wurden in verschiedenen ukrainischen Städten in spontanen Aktionen insgesamt fast 300 Lenin-Denkmäler gestürzt.

Georgi Kasjanow wurde 1961 in Tscheljabinsk in Russland geboren. Seit 2003 leitet er den Bereich Zeitgenössische Geschichte und Politik am Institut für Ukrainische Geschichte der Nationalen Akademie der Wissenschaften in Kiew. Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher Publikationen zur Geschichte der Ukraine vom 19. bis ins 21. Jahrhundert, zur Geschichte der ukrainischen Intelligenzija, zur Theorie von Nation und Nationalismus und zu Erinnerungspolitik. © privat

Was den politischen Aspekt betrifft, lässt sich sagen, dass die derzeitige Führung der Ukraine die Voraussetzungen für eine Abwicklung des sowjetischen Erbes auf der symbolischen Ebene geschaffen hat. Eines der im April 2015 vom ukrainischen Parlament verabschiedeten Gesetze verbietet die Verwendung kommunistischer – und damit auch sowjetischer – Symbole im öffentlichen Raum. Im Zuge der Anwendung dieses Gesetzes wurden in der Ukraine bislang mehr als 1.000 Ortschaften umbenannt, die ihren Namen zu Sowjetzeiten erhalten hatten; zudem wurden mehr als 1.500 Denkmäler aus dieser Zeit vernichtet.

Bruch und Rückkehr?

Im öffentlichen Diskurs wird die sowjetische Zeit fast ausschließlich als schwarzes Loch dargestellt, als Bruch in der normalen Entwicklung des ukrainischen Volkes, als eine Zeit ungeheurer Verluste und unermesslichen Leidens. Ein wichtiger Aspekt ist hier wohl die Tatsache, dass die Zugehörigkeit zur UdSSR eben als Bruch mit der europäischen Tradition, als "Herausfallen" der Ukraine aus der europäischen Geschichte dargestellt wird.

Der Bruch mit dem sowjetischen Erbe steht dann für die Rückkehr nach Europa – ein Szenario, das an das erinnert, was vor einem Vierteljahrhundert in Mittelosteuropa geschehen ist.

Staatlich verordnete Entsowjetisierung

Wie wird nun die Entkommunisierung, bei der es sich tatsächlich um eine Entsowjetisierung handelt, in der Gesellschaft aufgenommen? Meinungsumfragen haben gezeigt, dass auch die Einstellung zu diesem Prozess von der Region abhängt. Im August 2015 gaben laut Umfragen der Meinungsforschungsagentur Fama 90 Prozent der Befragten eine negative Einstellung zur Entkommunisierung an – Missfallen erregte vor allem, dass der Prozess als administrativ gesteuert und als unzeitgemäß empfunden wird, da es wichtigere Probleme gebe. Kritisiert wird außerdem, dass keine öffentliche Debatte darüber stattfindet.

Für Empörung sorgen auch die Extreme der Entkommunisierung, etwa wenn Werke der sowjetischen Monumentalplastik aus rein formalen Gründen zerstört werden. Besonders skandalträchtig war die Zerstörung der Flachreliefs am Ukrainischen Haus in Kiew, das in den 1980er Jahren als Lenin-Museum erbaut worden war. Diese Reliefs hatten nach Auffassung von Experten einen hohen künstlerischen Wert; dass sie abgerissen wurden, war ein Akt des Vandalismus.

Je weiter man nach Osten kommt, desto mehr Menschen gibt es, denen die Entkommunisierung gegen den Strich geht. Im Osten und Südosten des Landes, insbesondere im Donbass, gilt das sowjetische Erbe traditionell als Bestandteil der eigenen Geschichte, während in den westlichen Landesteilen, vor allem in Galizien, alles, was von der Sowjetmacht kam, ebenso traditionell als fremd gilt — was nachvollziehbar ist, wenn man sich vor Augen führt, mit welchen Methoden die infolge des Hitler-Stalin-Pakts an die UdSSR angeschlossene Westukraine sowjetisiert wurde: die Deportationen der Jahre 1939–1940 und 1945–1947, der Krieg gegen den ukrainischen Nationalismus zwischen 1944 und 1954, in dem mehr als 250.000 Menschen starben, sowie die Zwangskollektivierung.

Sehnsucht nach der guten, alten Zeit

Nicht übersehen werden sollte jedoch, dass es auch in der heutigen Ukraine eine Sowjetnostalgie gibt. Im Mai 2014, noch vor Beginn der administrativ gesteuerten Entkommunisierung, gab laut einer Meinungsumfrage der Rating Group ein Drittel der Ukrainer an, den Zerfall der UdSSR zu bedauern – im Osten und Süden des Landes äußerte sich die Hälfte der Befragten in diesem Sinne, im Donbass sogar 60 Prozent.

Diese Kennzahlen bedeuten jedoch keineswegs, dass die Tendenz zu Back to the USSR geht. Die Nostalgie ist nicht so sehr ideologisch motiviert, sondern hängt eher mit der Erinnerung an Zeiten von Stabilität, sozialer Gerechtigkeit und einer vorhersehbaren Zukunft zusammen. In einer Umfrage des Rasumkow Centre vom September 2016 sprachen sich 18 Prozent der Befragten für die Schaffung eines Unionsstaates aus Belarus, Russland und der Ukraine mit gleichberechtigten Mitgliedern aus, 69 Prozent lehnten diese Idee ab. Diejenigen, die den Zerfall der Sowjetunion beklagen, sind in aller Regel jedoch nicht an ihrer Restauration in einer irgendeiner anderen Form interessiert. Die erhobenen Daten erinnern vielmehr an die Ostalgie der Ostdeutschen.

Der Krieg im Osten der Ukraine

Gleichzeitig darf nicht übersehen werden, dass die Einstellung zum sowjetischen Erbe in erheblichem Maße im Kontext des Krieges im Osten der Ukraine und vor dem Hintergrund der Beziehungen zu Russland zu bewerten ist. Russland, das sowohl im Bewusstsein der Eliten als auch der Gesellschaft insgesamt für eine Kraft steht, die es darauf abgesehen hat, eine Art Neuauflage der Sowjetunion zu etablieren.

Eines der in den Medien und sozialen Netzwerken meistzitierten Memes ist die Aussage von Wladimir Putin, wonach der Zerfall der Sowjetunion die größte gesellschaftliche und humanitäre Katastrophe des 20. Jahrhunderts war. Durch den Krieg im Osten der Ukraine lässt sich der Gegner heute umso leichter als Repräsentant der schlimmsten Instinkte und Verhaltensmuster des sowjetischen Menschen, des Homo sovieticus, stigmatisieren: Dabei geht es zumeist um den Hang zu patrimonialen Verhaltensweisen, Intoleranz gegenüber dem Anderen, Xenophobie und Unterwürfigkeit.

Umstrittene Um- und Rückbenennungen

Menschen mit diesen Charaktereigenschaften werden in der Ukraine verächtlich als Watniki bezeichnet, ein Wort, mit dem eigentlich Wattejacken beschrieben werden, die in den sowjetischen Streitkräften und Gefängnissen im Winter getragen wurden. Im gesellschaftlichen Diskurs hat inzwischen auch der Begriff Wyschiwatnik – wörtlich: Wattejacke mit Stickmuster – Einzug gehalten, der zur Stigmatisierung jenes typischen Homo sovieticus verwendet wird, der obskuren und ebenfalls von der Intoleranz gegenüber dem Anderen, von Xenophobie und kultureller Selbstisolation geprägten Formen des ukrainischen Patriotismus anhängt.

Das Verhältnis zu den Imperien

Im nationalistischen Diskurs, der heute den öffentlichen Raum beherrscht, ist das Wort sowjetisch, vor allem wenn es um die Revision des kollektiven Gedächtnisses geht, eindeutig negativ belegt. Zumal sowjetisch häufig in Verbindung mit imperial verwendet wird. Die Sowjetunion war die Fortsetzung des Russischen Reiches, weshalb die  Entkommunisierung/Entsowjetisierung auch mit einer Leugnung der Rudimente des russischen imperialen Narrativs einhergeht.

So wird beispielsweise das Denkmal für die Gründer Odessas mit Katharina der Großen als zentraler Figur zurzeit von der Polizei bewacht, weil es dort schon mehrfach Vandalismus gegeben hat. In der Stadt Kirowograd, was der sowjetische Name ist, hat sich die Mehrheit der Bewohner in einem kommunalen Referendum dafür ausgesprochen, der Stadt ihren historischen Namen Elisabethgrad zurückzugeben. Die Regierung in Kiew hat dieses Ansinnen jedoch zurückgewiesen und beschlossen, der Stadt einen gänzlich neuen Namen geben, Kropywnyzkyj nämlich – zu Ehren eines ukrainischen Dramaturgen aus der Zeit des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

All das hat in der Westukraine niemanden davon abgehalten, auf der Ebene des Alltagsbewusstseins das Idealbild eines anderen Imperiums, nämlich das der Habsburger, zu kultivieren, getragen von einer regionalen Nostalgie, in deren Mittelpunkt die Figur des österreichischen Kaisers Franz Joseph I. steht.

In den Methoden lebt die Sowjetunion weiter

Im liberalen Diskurs und in wissenschaftlichen Forschungen ist die Haltung gegenüber dem sowjetischen Erbe allerdings recht ausgewogen. Öffentliche Äußerungen, wonach die Ukraine ihre heutigen Grenzen zu sowjetischen Zeiten erhielt und sich erst als Teil der Sowjetunion zum Industriestaat mit einem Alphabetisierungsgrad von 100 Prozent entwickelte, sorgen bei dem Teil der politisch aktiven Bevölkerung, der sich vollständig vom sowjetischen Erbe lossagen will, jedoch für ernsthafte Irritationen.   

Bei der Abkehr von diesem Erbe kommen übrigens häufig Verfahren und Methoden zur Anwendung, die an die sowjetische Praxis erinnern. Die Politik der Entkommunisierung in den Regionen wird von der Zentralregierung in Kiew mit administrativ-bürokratischen Mitteln umgesetzt. Das Paket der Entkommunisierungsgesetze, von denen zwei von der Venedig-Kommission der EU kritisiert wurden, wurde ohne öffentliche Debatten und Expertengespräche verabschiedet; Aussprache und Verabschiedung im Parlament in Kiew dauerten lediglich 40 Minuten. Eines dieser Gesetze besagt, dass das Parlament die Umbenennung einer Stadt, einer Siedlung oder eines Dorf vornehmen kann, auch wenn die örtliche Gemeinde gegen die Umbenennung ist.

Das eindrücklichste Beispiel ist die Umbenennung der Stadt Komsomolsk im Gebiet Poltawa, die in den frühen 1960er Jahren eben unter dem Namen Komsomolsk gegründet wurde. Ungeachtet der Einwohnerproteste ließ das Parlament die Stadt in Horischni Plawni umbenennen.

Der Mehrheit ist das Erbe gleichgültig

Die Haltung der ukrainischen Gesellschaft zum sowjetischen Erbe ist also ganz offensichtlich uneinheitlich. Ein Teil der Gesellschaft legte den Begriff Erbe wörtlich aus und riss sich noch in den 1990er Jahren Wirtschaftsgüter unter den Nagel, die zu sowjetischen Zeiten geschaffen worden waren und dann die Grundlage für das große Geld bilden sollten. Ein Teil der Gesellschaft sieht im sowjetischen Erbe das Haupthindernis auf dem Weg in eine lichte Zukunft und nach Europa. Wieder anderen ist dieses Erbe mit seinen Straßen- und Ortsnamen, mit den Skulpturen und Architekturdenkmälern gleichgültig – und das ist die Mehrheit.

Doch diese Gleichgültigkeit wird nun durch die von Kiew aufoktroyierte Entkommunisierungspolitik gestört: Das, was bisher nicht wichtig war, erhält plötzlich eine Bedeutung und wird zum symbolischen Kapital. Dies wiederum schafft günstige Gelegenheiten, um die Gegner der derzeitigen Staatsführung zu manipulieren.

Die Extreme der Entkommunisierung, die mit einer Rechtfertigung des nationalistischen, ethnisch exklusiven Narrativs einhergehen, provozieren einen unbewussten Widerstand, den sich Kritiker der aktuellen Regierung schon heute zunutze machen.

Wie sich Geschichte instrumentalisieren lässt

Der Verdruss angesichts der offiziellen Geschichtspolitik passt gut zu dem Unmut, der sich aus dem Verfall sozialer Standards und der Verarmung der Bevölkerung speist. Hier lassen sich durchaus Analogien zur Sprachenpolitik erkennen: Die Frage, ob das Russische zweite Amtssprache in der Ukraine werden soll, rangierte, wie Meinungsumfragen belegen, stets am Ende der 20 Probleme, die den Ukrainern besonders wichtig sind. Und doch sollte gerade die Sprachenfrage zu einer der stärksten Triebkräfte des Separatismus auf der Krim und im Donbass werden.

Auch wenn die Fragen der Geschichte nicht unter den ersten zehn vordringlich zu lösenden Aufgaben der Ukraine rangieren, könnten sie mit geschickter Manipulation ebenfalls ernste Probleme bereiten. Es sei nur daran erinnert, dass historische Argumente von russischer Seite aktiv genutzt wurden, um die Annexion der Krim ideologisch zu untermauern.

Übersetzt aus dem Russischen von Steffen Beilich