Es gab gestern, am Tag der Amtseinführung von Donald Trump, auch versöhnliche Gesten. Das sollte an dieser Stelle einmal erwähnt werden. So forderte der frisch gekürte 45. Präsident seine Republikaner beim gemeinsamen Mittagessen dazu auf, den Clintons mit einem stehenden Applaus zu danken. Denn Wahlverliererin Hillary Clinton war samt Ehemann Bill zu Trumps Inauguration gekommen.

Ein weiteres Beispiel: Auf einem Mauervorsprung an der Pennsylvania Avenue, dort wo die Präsidentenparade auf dem Weg vom Kapitol zum Weißen Haus vorbeikamen, demonstrierten Anhänger und Gegner Trumps friedlich nebeneinander. Sie halfen einander sogar, auf den Absatz zu steigen.

Aber das waren Ausnahmen. Ansonsten herrschte bei Trump und seinen Anhängern ein rauer und garstiger, ein unversöhnlicher und herrischer Ton. Als zum Beispiel der demokratische Senator Chuck Schumer ans Mikrophon trat und die tief gespaltene Nation beklagte, in der die Menschen wieder lernen müssten, aufeinander zuzugehen, skandierten Zehntausende von Trump-Anhängern am Fuße des Kapitols wütend: "USA, USA" und "Go away!". Sie wollen nichts mehr von der Obama-Regierung und der sie stützenden Demokratischen Partei hören, sie wollen, dass Trump jetzt radikal aufgeräumt.

Trump kennt keine Demut

Wahlkämpfe werden gerade in Amerika beinhart ausgetragen – und dieser war besonders brutal. Es gehört deshalb seit 240 Jahren zu den guten Traditionen, dass der Sieger in seiner Inaugurationsrede einen versöhnlichen Ton anschlägt, dass er Wunden heilt und symbolisch die Hand ausstreckt. Gerade Trump hätte allen Grund dazu gehabt. Schließlich hat er nicht nur seinen politischen Gegnern schwere Wunden geschlagen, sondern fast drei Millionen Wählerstimmen weniger erhalten als Hillary Clinton. Seinen Sieg hat er nur dem eigenartigen Wahlsystem zu verdanken.

Doch Donald Trump kennt keine Demut. Wenn es bei ihm eine Konstante gibt, dann ist es sein hartnäckiger Widerstand gegen sämtliche Konventionen und Regeln – auch gegen Anstandsregeln. Trump sieht sich als Tabubrecher, als Streiter gegen Traditionen und Eliten. Nichts fürchtet er mehr, als diesen Nimbus zu verlieren und plötzlich als ein ganz gewöhnlicher Politiker dazustehen, der Zugeständnisse machen, Kompromisse schließen und sich in einem gewissen Maße anpassen muss.

Deshalb twittert er, um zu jeder Tag- und Nachtzeit zu intervenieren, widersprechen und aufstacheln zu können. Und deshalb brach er bei seiner Amtseinführung auch mit der Tradition amerikanischer Inaugurationsreden. Trump war parteiisch und anmaßend, eher Wahlkämpfer als Staatsoberhaupt.

Die angesehene amerikanische Tageszeitung Washington Post vergleicht Trumps Rede mit früheren Inaugurationsreden und zieht den Schluss: So düster, so aggressiv, so apokalyptisch wie Trump hat noch kein einziger US-Präsident seine Antrittsrede gehalten. Die Terrorgruppe IS will er nicht nur bekämpfen, sondern "ausradieren". Nie sei der Zustand Amerikas mit derart schauerlichen Worten wie "Blutbad", "Gemetzel", "Auszehrung" und "Verfall" beschrieben worden.

Eine Rede als nationalistisches Manifest

Trump hielt eine Kampfrede, die selbst in jenen Momenten, die eher versöhnlich klingen sollten, kriegerisch klang. So will Trump zwar die Macht den Bürgern zurückgeben, aber nur jenen, die seine Ziele unterstützen. Mit den Verbündeten will er eng zusammenarbeiten, solange diese kapieren, dass die Vereinigten Staaten unter seiner Herrschaft nur nach einer Devise handeln werden: "America first!" Soll heißen: Amerikanisch kaufen – und Amerikaner einstellen! Für Vorurteile, sagte Trump, sei in den Vereinigten Staaten kein Platz, jedenfalls nicht gegenüber solchen Menschen, die ihr Vaterland verehren und die, wie Trump es nannte, durch das "rote Blut des Patriotismus" verbunden sind.

Die Rede war ein nationalistisches Manifest. Trumps Chef-Stratege Stephen Bannon nennt sie laut Washington Post "eine ungeschönte Erklärung der Grundsätze einer populistischen und irgendwie nationalistischen Bewegung".

Am Anfang hieß es, Trumps Gerede sei nur Wahlkampfgetöse. Werde er gewählt, würde er schnell vernünftig. Trump gewann – und machte unverdrossen weiter. Nun sagte man: Gedulde dich, bis er vereidigt wird, die Macht werde ihn mäßigen. Seit Freitag, dem 20. Januar, ist Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika und denkt nicht im Traum daran, sich zu zügeln.

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