Am Ende des dreizehnstündigen Wahlmarathons wurde der Sieger Antonio Tajani am Dienstagabend im Europaparlament in Straßburg gefeiert, als hätte er barfuß den Weg von seinem Geburtsort Rom nach Straßburg zurückgelegt. Einen Moment lang schienen die Abgeordneten zu vergessen, dass im Vorfeld eine Mehrheit von ihnen den Weggefährten des früheren italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, das Gründungsmitglied der rechtslastigen Forza Italia, als nicht wählbar bezeichnet hatte. Als sich dann auch noch Tajani und sein Konkurrent, der Sozialist Gianni Pittella, in den Armen lagen, jubelte der ganze Saal. Ein Tag voller gebrochener Treueschwüre, neuen überraschenden Bündnissen, Intrigen, Sieg und Niederlagen löste sich in einem erlösenden Finale auf.

Ob die Begeisterung für den neuen Präsidenten des Europaparlaments lange anhält, ist fraglich. Tajani, ein ehemaliger Luftwaffenoffizier und Journalist in Berlusconis Medienimperium, wurde von seinem Förderer 2008 als Kommissar nach Brüssel entsandt – zunächst für Verkehr, später für Industriepolitik. Kritiker werfen ihm vor, schon frühzeitig von Abgasmanipulationen gewusst und nichts dagegen unternommen zu haben.

Als Industriekommissar mühte sich Tajani, das europäische Satellitennavigationssystem Galileo voranzubringen, war damit aber auch nicht erfolgreicher als sein Vorgänger Günter Verheugen. Der 2014 gebildeten neuen EU-Kommission unter Jean-Claude Juncker gehörte Tajani nicht mehr an, da die Forza Italia in Italien abgewählt worden war. Doch es gefiel ihm auf der europäischen Bühne offenbar so gut, dass er sich stattdessen ins Europaparlament wählen ließ. Dort sitzt die Forza Italia trotz ihres zweifelhaften Rufs mit CDU und CSU in derselben EVP-Fraktion, wie übrigens auch die rechtsnationale Fidesz-Partei des ähnlich umstrittenen ungarischen Ministerpräsidenten Victor Orbán.

Der 63-jährige Tajani tritt heute als freundlicher, präsidial wirkender älterer Herr mit schlohweißen Haaren auf. Dieses Image macht er zu seinem Markenzeichen. Er wolle ein Präsident aller Abgeordneter sein, kündigte er an: "Als Parlamentspräsident verpflichte ich mich dazu, neutral zu sein, allen Europäern zu dienen und mich auf das zu konzentrieren, was wirklich zählt: Sicherheit, Migration und Jobs." Es sei nicht die Aufgabe des Präsidenten, eine politische Agenda voranzutreiben, betonte er.

Das richtete sich gegen seinen Vorgänger Martin Schulz. Der deutsche Sozialdemokrat hatte dem Amt in seiner fünfjährigen Amtszeit eine ganz neue Bedeutung gegeben. Er hatte häufig eigene politische Akzente gesetzt und dafür gesorgt, dass das EU-Parlament und damit er im Konzert der europäischen Institutionen wesentlich stärker gehört wurden. Mit seinen politischen Alleingängen und seinem selbstherrlichen Auftreten hatte er allerdings auch viele Abgeordnete verärgert.

Der Stil im EU-Parlament wird sich im EU-Parlament unter dem neuen Präsidenten also höchstwahrscheinlich ändern. Es selbst könnte wieder konträrer werden, allerdings gleichzeitig an Einfluss verlieren. Denn der beruhte in den vergangenen Jahren sehr stark auf den persönlichen Initiativen von Schulz. Er sorgte dafür, dass er bei allen wichtigen EU-Treffen dabei war und wenn möglich auch am Tisch saß. Eine große Hilfe dabei war in den vergangenen zweieinhalb Jahren seine enge Verbindung zu Juncker. Das alles wird sich bei Tajani vermutlich ändern.

Auch sein sozialistischer Herausforderer Pittella hatte im Vorfeld herausgestellt, dass die Phase des monolithischen Parlaments, dessen Präsident auch noch ein enger Vertrauter von Kommissionschef Juncker war, zu Ende gehe. Es sei an der Zeit, wieder unterschiedlichen politischen Konzepten Raum zu geben und den Einheitsbrei einer informellen Koalition aus Christdemokraten, Sozialisten und Liberalen zu beenden.