Vor einem Jahr las man oft, dass das Brexit-Referendum eigentlich gar nicht viel ändern werde. Wenn die Briten sich für den Verbleib in der EU entscheiden würden, so blieben sie doch nur halbherzig Mitglied der europäischen Familie. Sollten sie sich hingegen für den Austritt entscheiden, so würden sie der EU doch wohl trotzdem teilweise erhalten bleiben. Sogar Nigel Farage, der Anführer der Brexit-Kampagne, bekräftigte immer wieder, dass das Vereinigte Königreich in jedem Fall ein enger Handelspartner der EU bleiben werde, aller Wahrscheinlichkeit nach unter Verbleib im Europäischen Binnenmarkt.

Die Rede von Premierministerin Theresa May hat nun ultimativ klargemacht, dass Großbritannien auf den denkbar härtesten Brexit zusteuert. Die Briten bleiben nicht im europäischen Binnenmarkt. Sie werden auch die Zollunion verlassen. Es steht nicht einmal fest, ob London besonders enge Beziehungen mit den ehemaligen europäischen Partnern behalten wird. Stattdessen will die Premierministerin, wohl ermutigt durch die Lockrufe des zukünftigen US-Präsidenten Donald Trump, die Briten eher in eine pan-atlantische, populistische und nationalistische Richtung führen.

Was ist da innerhalb eines Jahres passiert? Man wird es wohl mit der Dynamik moderner Parteipolitik erklären müssen. Früher waren erfolgreiche Politiker diejenigen, die in der Lage waren, einen Mittelweg zwischen polarisierten Meinungen zu finden, sowohl in ihrer Partei als auch im Volk. Heute scheinen Politiker erfolgreich, wenn sie einfache Botschaften übermitteln, bestehende Ressentiments bedienen und Spaltung statt Einigung betreiben. Denn das gefällt der Basis am besten.

Im Falle Großbritanniens wurde die knappe Mehrheit von 52 Prozent, die im Juni 2016 für den Brexit gestimmt hat, völlig anders behandelt als es noch vor 20 Jahren der Fall gewesen wäre. Früher hätten Politiker das gespaltene Land zu einen gesucht. Heute fühlt sich die noch so knappe Mehrheit bestärkt in ihrer Position, radikalisiert sich weiter und vertritt noch extremere Positionen als noch vor dem Referendum angekündigt.

Das Argument, man habe durch das Referendum ein "demokratisches Mandat" erhalten, das May zum Einstieg ihrer Rede anführte, wird genutzt, um alle kaltzustellen, die sich für eine pragmatische Kooperation mit der EU aussprechen. Sie werden schlichtweg als Feinde des Volkswillens verschrien, egal, ob sie Richter sind, die eine parlamentarische Kontrolle der Verhandlungen verlangen, oder moderate Politiker wie bis vor kurzem Schatzkanzler Philipp Hammond, der sich offen um den Zugang zum Binnenmarkt sorgte.

Dass es so weit kommen konnte, liegt auch am britischen Wahlsystem. Theresa May sieht sich gegenwärtig im Parlament wegen des Mehrheitswahlrechts einer besonders schwachen Labour-Partei gegenüber. Strategisch muss sie sich vor den extremen 'Brexiteers' in ihrer Partei mehr fürchten als vor der sozialdemokratischen Opposition. Folgerichtig bedient sie die Forderungen der Extremen ihrer Partei – und ignoriert alle kritischen Stimmen.

Vermittelnde Stimmen sind zum Schweigen gebracht. Die Sternstunde der Brexit-Fraktion innerhalb der Tories war wohl letzte Woche gekommen, als Hammond, der bis zuletzt ein Hoffnungsträger des EU-freundlichen Flügels der Partei war, selbst die Hoffnung auf den Verbleib im europäischen Binnenmarkt aufgab. Stattdessen schlägt er nun vor, das britische Wirtschafts- und Steuersystem radikal zu verändern und Großbritannien zu einer Steueroase zu machen. Die letzten europafreundlichen Stimmen werden nunmehr als Bedrohung dargestellt – eine Strategie, die die Premierministerin in ihrer Rede noch einmal unterstrichen hat.