Es wäre ein Sinnbild für die politischen Umwälzungen des vergangenen Jahres gewesen: Großbritanniens Außenminister und führender Brexit-Aktivist Boris Johnson trifft Amerikas zukünftigen Präsidenten Donald Trump in New York. Beide stehen lachend im Trump Tower, klopfen sich auf die Schultern, schütteln Hände. Zwei ambitionierte Selbstdarsteller mit blonden Haaren auf dem Weg, beste Freunde zu werden.

Doch dazu kam es nicht. Stattdessen musste Johnson bei seinem in letzter Minute bekannt gegebenen Besuch am Sonntag Klinken putzen und sich bei Trumps Beratern vorstellen. Mehr war laut offiziellen Erklärungen aus London angeblich auch gar nicht vorgesehen. Einige britische Medien berichteten jedoch, dass Johnson womöglich auch Trump selbst hätte treffen sollen.

Der Regierung in London ist es sichtlich unangenehm, dass sie ihre Beziehungen zu Trump und zu dessen Team aus dem Nichts aufbauen muss, während ein anderer britischer Politiker im Trump Tower ein- und ausgeht, als wohne er da: Der frühere Chef der rechtspopulistischen Ukip-Partei, Nigel Farage, war bereits drei Mal dort zu Besuch. Als Premierministerin Theresa May nach Trumps Wahlsieg in London noch neben dem Telefon saß und auf einen Anruf vom President-elect wartete, war Farage bereits auf dem Weg nach Manhattan. Dort wurde er nicht nur sogleich zum zukünftigen Präsidenten vorgelassen; Farage veröffentlichte kurz darauf ein Foto, das ihn und Trump vor einer offenbar vergoldeten Tür zeigte.

Offener Meinungsaustausch, aber nicht mit Trump

Dann wurde für die Regierung in London alles noch viel schlimmer. Wenige Tage später schrieb Trump auf Twitter: "Viele Menschen würden es gern sehen, wenn @Nigel_Farage Großbritannien als Botschafter bei den Vereinigten Staaten repräsentieren würde. Er würde einen guten Job machen!" 10 Downing Street schoss den Vorschlag umgehend ab. Der Job des Botschafters sei bereits vergeben, erklärte ein Sprecher der Premierministerin nüchtern. Großbritannien habe einen "exzellenten Botschafter" in den Vereinigten Staaten, und der werde seine Arbeit dort fortsetzen.

Dass Trump nun für Johnson kurzfristig keinen freien Termin in seinem Kalender gefunden hat, könnte an früheren Äußerungen Johnsons liegen. Ende 2015 hatte Trump, dessen Präsidentschaftskandidatur damals noch weitgehend belächelt worden war, nahegelegt, in London gäbe es Viertel, dessen muslimische Bewohner sich so "komplett radikalisiert" hätten, dass sich die Polizei kaum noch hinein wage. Johnson, damals noch Bürgermeister Londons, entgegnete, Trump habe offenbar "den Verstand verloren" und fügte hinzu, er sei für den Posten des US-Präsidenten ungeeignet: "Der einzige Grund, warum ich nicht in einige Teile von New York gehen würde, ist das reale Risiko, dass ich Donald Trump treffen könnte." Wie sich die Zeiten ändern.

Dieses Risiko blieb Johnson nun erspart. Im Trump Tower traf er sich mit Trumps Schwiegersohn Jared Kushner und mit seinem Chefstrategen Steve Bannon. Dabei soll es einen offenen Meinungsaustausch zu Themen wie dem Verhältnis zu Russland und zu dem Krieg in Syrien gegeben haben. Am Montag war Johnson auf dem Weg nach Washington, um sich mit führenden Mitgliedern des US-Kongresses zu treffen.

Große Hoffnung in Trump

Johnsons USA-Reise, die offenbar zunächst geheimgehalten werden sollte, war nicht der erste Versuch einer Charmeoffensive gegenüber der zukünftigen amerikanischen Regierung. Vergangene Woche war bekannt geworden, dass bereits im Dezember zwei enge Vertraute Mays nach New York gereist waren, um sich – angeblich "privat" – mit Mitgliedern von Trumps Team zu treffen. Die Sorge Londons, in Sachen Trump den Zug zu verpassen, scheint gewaltig zu sein.

Denn anders als die Regierungen vieler anderer Staaten setzt London große Hoffnung in die Präsidentschaft Trumps. Das offensichtliche Kalkül: Wenn bei den kommenden Austrittsverhandlungen mit der EU nicht viel zu holen ist, könnte sich London verstärkt den USA zuwenden. Johnson, der von seinen früheren Einschätzung zu Trump dann nichts mehr wissen wollte, erklärte noch im November, Europas Politiker sollten ihr "Gejammer" einstellen und sich mit dem Wahlsieg des Immobilien-Milliardärs abfinden. Trump sei ein "Geschäftemacher", sagte Johnson später. "Er möchte ein Freihandelsabkommen mit Großbritannien unterzeichnen."

"Zwei sehr gute, positive Gespräche"

Doch bis dahin ist es ein langer (und zumindest für Johnson offensichtlich schwieriger) Weg. Doch das könnte sich schon in Kürze ändern: Am Wochenende twitterte Trump, er "freue" sich darauf, "Premierministerin Theresa May im Frühjahr in Washington zu treffen." Großbritannien sei "ein langjähriger US-Alliierter" und "sehr speziell".

Auch May zeigt sich inzwischen zuversichtlicher. In einem Interview mit dem Nachrichtensender Sky News erklärte sie, bei den Beziehungen zwischen Großbritannien und den USA gehe es "um etwas viel Größeres" als nur um die Beziehung zwischen den Politikern beider Länder. May habe bereits "zwei sehr gute, positive Gespräche" mit Trump geführt und sei sich sicher, in Zukunft darauf aufbauen zu können.

Doch es gibt eine Reihe von Stolpersteinen. So hat Trump während des Wahlkampfs angekündigt, er werde das nordamerikanische Freihandelsabkommen Nafta (auf das London zu schielen scheint) neu verhandeln. Auch in Sachen Russland und Syrien gibt es erhebliche Meinungsverschiedenheiten zwischen Trumps Team und der Regierung in London. Und nicht zuletzt wegen seiner Drohung, das Nato-Engagement der USA in Europa zurückzufahren, könnte es größere Verwerfungen zwischen Washington und London geben.

Boris Johnson bekäme dann vielleicht nie die Gelegenheit für ein gemeinsames Foto mit Donald Trump.