Wie oft war der 20. Januar ein Festtag der Demokratie. Immer wieder hat die Amtseinführung eines amerikanischen Präsidenten nicht nur die Hoffnungen der eigenen Nation beflügelt. Als John F. Kennedy und Barack Obama auf den Stufen des Kapitols ihren Amtseid ablegten, war dies weit über die Grenzen der Vereinigten Staaten hinaus ein erhebender Moment.

Nichts davon diesmal. Am Freitag werden Menschen in aller Welt voller Sorge, ja Angst, nach Washington schauen.

In Mexiko, weil der künftige US-Präsident eine Mauer an der gemeinsamen Grenze errichten will. In Europa, weil er die Nato für "obsolet" erklärt und den Zerfall der EU geradezu herbeiredet. Im Nahen und Mittleren Osten, weil er das Nuklearabkommen mit dem Iran aufzukündigen droht und die Palästinenser mit der Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem provoziert. In China, weil er die Grundlage der bilateralen Beziehungen, die Ein-China-Politik, infrage stellt.

Ein amerikanischer Präsident, der verächtlich über das atlantische Bündnis redet, dem ein Auseinanderbrechen der Europäischen Union offenbar gleichgültig wäre – das hat es noch nicht gegeben. Weiß Donald Trump überhaupt, was er da redet? Sein Interview mit der Bild-Zeitung und der Londoner Times strotzt vor Ahnungslosigkeit und Chuzpe.

Auch jene, die gestern noch erleichtert die Äußerungen der wichtigsten designierten Minister vor den Ausschüssen des Kongresses kommentiert haben, weil diese in entscheidenden Punkten Trump widersprachen, müssen einsehen, dass es eine berechenbare amerikanische Außen- und Verteidigungspolitik mit diesem Präsidenten nicht geben wird.

"Wir Europäer haben unser Schicksal selbst in der Hand", lautet die Reaktion Angela Merkels auf Trumps Radau-Interview. Sie weiß, dass dies allenfalls die halbe Wahrheit ist. Seit siebzig Jahren ist Europas Wohl und Wehe eng an das der Vereinigten Staaten gebunden. Wir nannten das bisher den "Westen" und sahen darin ein gemeinsames Friedens-, Freiheits- und Wohlstandsprojekt. Von dem übrigens nicht nur Europäer und Amerikaner profitierten. Nun müssen wir wohl davon Abschied nehmen.