Abgründiger Hass für fünf Dollar – Seite 1

Unser Kolumnist Tuvia Tenenbom beim Marsch der Frauen gegen Trump in New York © Isi Tenenbom

Wenn Sie zurzeit oder demnächst in New York sind, dann habe ich einen kleinen Tipp zur Fortbewegung: Vergessen Sie U-Bahn, Busse, Taxis, denken Sie nicht mal an Uber. Was Sie brauchen, ist Via. Oh yeah, Via. Das ist eine App, meine Lieben, und wenn Sie die auf dem Smartphone haben, können Sie sich in dieser Riesenstadt nach Herzenslust bewegen. In Manhattan bringt Via Sie, wohin Sie wollen, und das für gerade mal fünf Dollar.

Bei den Wagen von Via handelt es sich meist um große schwarze SUV. Das Paradies, sag ich Ihnen. Aber das ist noch nicht alles. Das Tollste an Via ist, dass es nicht nur Sie transportiert, sondern unterwegs zu Ihrem Ziel auch noch andere Via-Liebhaber mitnimmt, und so macht man Bekanntschaften, mit denen man nie gerechnet hätte. Und deren Namen erfährt man auch, denn als Via-Fahrgast stellt man sich beim Einsteigen vor. 

Heute, wie an jedem Tag, hält das Via genau vor mir. "Tuvia", sage ich, der Fahrer sagt: "Schön, Sie kennenzulernen, Tuvia" – wir sind sehr höflich in New York –, und los geht’s. Ich sitze neben dem Fahrer in einem schönen neuen schwarzen Chevrolet Suburban, und wir unterhalten uns über das Leben in New York. Irgendwo in Midtown hält er für eine weitere Mitfahrerin. "Melissa", sagt sie, und bevor der Fahrer sagen kann: "Schön, Sie kennenzulernen, Melissa", sage ich: "Toll, dass wir Sie dabeihaben, Melissa."

"Freut mich sehr, Sie zu sehen!", antwortet sie. "Ein großes Vergnügen", sage ich. "Wie nett von Ihnen", sagt sie. 

Also, falls Sie eben vom Mars gelandet sind, erklär ich Ihnen mal was: Weder Melissa noch ich sind glücklich, dass wir zusammen sind. Wir kennen uns doch gar nicht. Aber das ist Amerika, wir sind in New York, und hier redet man eben so. Kein Wort ist ernst gemeint, aber wir sagen es trotzdem. 

"Wie herrlich, dass wir uns kennengelernt haben", sage ich zu Melissa, und die sagt: "Ganz fantastisch!"

"Ich wollte Sie noch was fragen, Melissa, das ich vorher versäumt habe: Was halten Sie von Donald J. Trump?" Melissa ist Demokratin, wie die meisten New Yorker. "Ich hoffe, er hat heute Abend einen Herzinfarkt", antwortet sie wie aus der Pistole geschossen. 

Wir New Yorker sind nette Menschen. Wir haben Erbarmen mit Serienmördern. Ist Melissa nicht ganz dicht? 

Schon bald setzt Via mich an meinem Ziel ab. 

Eine Bar. 

Nein, keine normale Bar. Oh nein! Diese Bar, man höre und staune, ist in New York eine bedrohte Spezies: ein Republikaner-Treff. Doch, so was gibt’s hier, und Via bringt Sie hin.

Große Gefühle und ein Philosoph

Heute ist Amtseinführung, bei der Mr. Trump zu Präsident Trump wird, und diese Republikaner sitzen da und schauen die Zeremonie an, die auf drei großen Bildschirmen gestreamt wird. Sie schauen Trump, und ich schaue Ihnen zu. Welch ein Anblick! Manche weinen, manche schreien: "Was für ein großartiger Tag!", andere erheben sich und singen. 

Rabbi Marvin Hier erwähnt Jerusalem – anscheinend will er Trump an sein Versprechen erinnern, die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen. Bei seinem Gebet können diese Republikaner nicht mehr an sich halten. "Das ist der beste Tag meines Lebens", flüstert einer mir ins Ohr, Freudentränen laufen ihm über die Wange. 

Ich frage mich: Wer ist dieser Trump, der so starke Gefühle für und gegen sich bei den Menschen auslöst? 

Wie’s der Zufall will, ist in diesen Tagen ein Philosoph in der Stadt, ein französischer jüdischer Philosoph, und ich besuche ihn. Sein Name ist Bernard-Henri Lévy. Bernard hat eben einen Artikel in der New York Times veröffentlicht, in dem er Trump, implizit, als Antisemiten bezeichnet. 

Bernard und ich verbringen fast eine Stunde miteinander und sprechen über ihn, den Philosophen, und über Trump, den Antisemiten. Ich verlange von Bernard Belege für seine Einschätzung, aber leider gelingt es ihm nicht, mich aufzuklären. Er möchte vor der Veröffentlichung seine Zitate sehen, was ich nur in Extremfällen tue, und mir wird klar: Dieser Philosoph versteht Trump so gut, wie ich Französisch verstehe.

Ist Trump wie Hitler?

Ich nehme wieder ein Via, diesmal heimwärts.

Hassan, der aus Ägypten stammt, ist mein Fahrer, er hat einen schönen großen schwarzen Van. Wir bleiben zu zweit, und wir unterhalten uns. Auf Arabisch, was ich viel besser verstehe als Französisch.

Was halten Sie von Trump?, frage ich Hassan.

"Vier ehemalige Präsidenten saßen da bei Trumps Amtseinführung. Können Sie sich so was in Ägypten vorstellen? Niemals!" 

Indem er auf die Realität außerhalb Amerikas hinweist, gelingt Hassan, dem ägyptischen Fahrer, woran der jüdische Philosoph gescheitert ist. Wir Amerikaner gehören zu den glücklichsten Menschen auf der Welt, aber wir erkennen es nicht – stattdessen schmoren wir lieber in dem Hass, den wir selbst erschaffen haben. 

Wenig überraschend ist, dass manche Amerikaner das anders sehen als Hassan. Am nächsten Tag finden auf den Straßen Amerikas Frauendemos statt. "Im ganzen Land strömen Frauen auf die Straßen, um gegen Trump zu protestieren", berichtet Reuters. Die Worte "strömen auf die Straßen" gefallen mir, und ich möchte wissen, wie viele Demonstranten es braucht, um Anspruch auf den Begriff "strömen" zu haben.

Ich schaue mal nach. Und finde das hier:

Die BBC sagt: "In Amerika versammeln sich Millionen gegen Trump."

Die New York Times schreibt: "Hunderttausende demonstrieren in den ganzen USA."

Und Yahoo meldet: "Eine Million Teilnehmer an weltweiten Anti-Trump-Demonstrationen." 

Ich muss das selbst rausfinden.

Ich gehe nach Downtown, um die Frauen zu sehen. Was mir als Erstes auffällt: Es ist keine "Frauendemo", sondern eine "Linke-Frauen-Demo". Das hier sind Frauen und auch Männer, die Clinton gewählt haben und sauer sind, dass sie verloren haben. Eine bessere Bezeichnung hierfür wäre: "Verlierer-Demo."

Wie viele das hier sind, kann ich nicht sagen, aber ich sehe mindestens eine Fantastillarde Plakate mit den Wörtern "Pussy", "Fuck" und "Vagina". Solche Wörter sieht man normalerweise nicht öffentlich auf amerikanischen Straßen – wir sind eine puritanische Nation –, aber heute ist das anders. Trump, wer und was der Mann auch sein mag, hat etwas bislang Unerreichtes geschafft: Millionen von uns die Maske vom Gesicht zu reißen, Menschen, die sich nach Vulgarität sehnen.

"Wo bist Du, Lee Harvey Oswald?"

Ich nehme ein Via zurück.

Nach wenigen Minuten stoßen Fred und Sharon dazu. Fred sagt: "Ich will ein T-Shirt machen, auf dem steht: ‚Wo bist du, Lee Harvey Oswald, wenn wir dich brauchen?‘" Möchten Sie Trump umbringen?

"Ich würde es nicht tun, aber ich würde Beifall spenden, wenn’s jemand täte."

Sie möchten ihn tot sehen, verstehe ich Sie richtig?

"Oh ja!"

Finden Sie nicht, das geht zu weit?

"Warum sagen Sie das, mögen Sie Trump etwa?"

Ich bin Deutscher, mir ist das ganz egal.

"Was halten Sie von Hitler?"

Wie bitte?

"Trump und Hitler sind dasselbe!"

Als Deutscher muss ich da doch widersprechen.

"Ich bin Jude, und ich sage Ihnen, Trump und Hitler sind dasselbe."

Wie viele Juden hat Trump bisher umgebracht?

Sharon, Freds Frau, mischt sich ein. "Fred ist zu extrem."

Und Sie?

"Ich gar nicht."

Möchten Sie Trump tot sehen?

"Nein, tot nicht, aber verkrüppelt. Ich wünsche mir, dass er leidet." 

Es braucht nur fünf Kröten, um Ihre Nachbarn kennenzulernen: Leute, die Menschen mit einer anderen Meinung Tod und Leiden an den Hals wünschen. In den folgenden Tagen nehme ich noch mehr Vias, aber das Gesicht des neuen "linken New Yorkers" ändert sich nicht: ein mordlüsternes Ungeheuer. 

Sollte alles Schlechte, was sie über Donald Trump denken, wahr sein, dann haben diese New Yorker ihn auf jeden Fall verdient.

Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von John Birke