Es ist nicht der Tag, an dem die USA mit einem Schlag ein autoritäres System werden. Donald Trump hat seinen Amtseid abgelegt. Damit bricht nicht gleich alles zusammen. Nicht in seinem Land und nicht in der Welt. Nur weil einer Präsident wird, der schwer zu verstehen ist, obwohl er laut genug spricht. Einer, der es mit der Wahrheit hält wie mit den Frauen: Richtig ist allein, was ihm gefällt. Einer, dessen Ego weit stärker ausgeprägt ist als seine übrigen Fähigkeiten.

Für Trump ist es – zitiert aus seiner Antrittsrede – "der Tag, an dem das Volk wieder zum Herrscher der Nation wird". Der Tag, ab dem eine neue Vision das Land regieren werde, ab dem nur noch gelte: "Amerika zuerst, Amerika zuerst". Mit zwei einfachen Regeln: "Kauft amerikanisch, stellt Amerikaner ein." Seine Version von Einigkeit der gespaltenen Gesellschaft geht so: "Wenn Du Dein Herz für den Patriotismus öffnest, dann ist darin kein Platz für Vorurteile." Es klingt wie eine Drohung: "Gemeinsam werden wir für viele, viele Jahre den Kurs Amerikas und der Welt bestimmen."

Man darf auch in diesem Moment nicht vergessen, wer dieser Mann ist, wen er um sich schart, welche Konflikte seine Politik beeinflussen werden – was er zerstören und erschaffen kann. Niemand sollte so tun, als sei alles so wie immer, nur eben greller. Donald Trump muss jede Zeile ablesen, die noch entfernt an seine Vorgänger erinnert, weil sie so etwas wie Ehrfurcht vor demokratischen Institutionen ausdrückt. Denn das ist nicht er. Für eine kritische Öffentlichkeit, funktionierende Gewaltenteilung oder grundsätzlich jede Art von Widerspruch hat er nichts als Verachtung übrig.

Amtseinführung - Trumps und Obamas Reden im Vergleich Der Tonfall in den Reden zur Amtseinführung von Barack Obama 2009 und Donald Trump 2017 unterscheidet sich erheblich. Wir haben Auszüge nebeneinander gestellt. © Foto: Zeit Online

Zumindest wird es nun etwas leichter, Inhalt und Getöse zu unterscheiden: Trump wird regieren, das bloße Prahlen hat ein Ende. Das kann auf viele Arten gut oder schlecht ausgehen. Es ist klüger, sich auf das Schlechte vorzubereiten. Und dabei sauber zu trennen: zwischen dem, was zwar rückschrittig, unvernünftig oder übertrieben erscheint, aber legitim im Rahmen einer demokratischen Ordnung vertreten und mit ihren Mitteln bekämpft werden kann –  und dem, was Rechte, Pflichten und Menschen verletzt, indem es diese Ordnung demontiert. Das ist der Punkt, an dem es falsch wird, sich mit dem Wandel zu arrangieren.

Schon Trumps Wahlkampf hat, ähnlich einer Hypersensibilisierung bei Allergiepatienten, die Reaktionen abgeschwächt. Die Gefahr ist groß, dass viele das alles nicht mehr juckt: Hetze, Lügen, Verfehlungen – mannigfach von den Medien beklagt, aber auch verstärkt. Geändert hat es nichts. Für Trump ist damit alles erledigt: "Ich habe gewonnen", ist seine Antwort auf alle Zweifel an ihm und seiner Wahl, die bestehen. Jede Frage, die nicht bloß ein Stichwort für seine Selbstdarstellung gibt, empfindet er als Angriff auf seine Autorität. So viel er auch von Deals spricht: Politik ist für ihn kein nach Regeln vollzogener Aushandlungsprozess, sondern ein Wettbewerb um die Macht, der mit dem Wahlsieg entschieden ist und gezeigt hat: Die Regeln gelten für ihn nicht.

Alles infrage gestellt

Was nach innen mindestens eine reaktionäre Law-and-order-Präsidentschaft zu werden droht, findet nach außen seine Entsprechung in einem aggressiven Nationalismus, der wenig von lange währenden Partnerschaften und Werten hält, stattdessen auf neue Freunde schielt, die ebenso den starken Mann geben. Die Gewissheiten, die nach dem Zweiten Weltkrieg die internationale Ordnung geprägt haben, sind dahin. Trump hat sie sämtlich infrage gestellt. Allen voran jene, dass die USA auch unter großen Kosten und Risiken nicht nur für ihre eigenen Interessen eintreten. Dass hinter der Macht der Amerikaner immer auch die Verantwortung wach ist, demokratische Nationen gegen Aggression zu schützen – also das, was man einmal die freie Welt genannt hat, gegen Bedrohungen aller Art zu verteidigen.

Chinesische Staatsmedien haben das dieser Tage "strategische Arroganz" genannt, in Russland liest man in Antizipation der Ära Trump: endlich eine klare Linie. Im Westen überlagern sich mehrere Stränge: die Angst vor den Konsequenzen seiner Ahnungslosigkeit und der Radikalität derer, auf die er womöglich doch hört, zugleich die Hoffnung, es werde sich ein Hebel finden lassen, ihn zu beeinflussen. Trump hat oft genug versichert, sein bester Berater sitze in seinem eigenen Kopf. Das Ergebnis sind keine konsistenten Überzeugungen, es ist eher eine gefährliche Zockerei, die von zwei Polen beeinflusst wird: Was springt für uns (meint: seine Anhänger und Einflüsterer, die er eine Bewegung nennt) dabei heraus? Und: Was lässt mich gut dastehen? Die Tendenz ist, dass Trump die zweite Frage wichtiger ist.

Das kann der Nährboden sein für ein autoritäres System in den USA, gerade jetzt, wo sich mit einer Mehrheit im Kongress und einem konservativer werdenden Supreme Court vieles schnell und kompromisslos verändern lässt. Und wo die Welt beginnt, wieder so zu funktionieren, dass das Recht des Stärkeren gilt.

Dieser Tag kann der Ausgangspunkt für schlechte Deals sein. Er ist genauso eine Chance für gute Deals. In jedem Fall, um es in Trumps Duktus zu sagen: Jetzt wird neu verhandelt.