Auch ein halbes Jahr nach dem EU-Referendum ist die britische Gesellschaft zutiefst gespalten. Viele Anhänger der Bleiben-Kampagne, die Remainer, werfen den Brexit-Unterstützern vor, sie seien Hinterwäldler, die rassistische Ressentiments hegten und außer Stande seien, komplexe Zusammenhänge zu verstehen. Die Brexit-Anhänger halten den EU-Unterstützern hingegen oft entgegen, sie seien Mitglieder einer arroganten urbanen Elite, die schon lange nicht mehr wisse, was sich im Land wirklich abspielt.

Nichts deutet darauf hin, dass sich beide Seiten in absehbarer Zeit entgegenkommen könnten. Ganz im Gegenteil: Der Ton verschärft sich. Denn jetzt kämpfen beide Lager dafür, ihre Version des EU-Austritts durchzusetzen. Und dieser Kampf spielt sich immer stärker in den Medien ab.

Ein aktuelles Beispiel: Der überraschende (und undiplomatische) Rücktritt des britischen EU-Botschafter Ivan Rogers diese Woche. EU-freundlichere Medien wie der Guardian, der Independent und die Financial Times stürzten sich auf das Thema. Sie werteten den Rücktritt als ultimativen Beleg dafür, dass die Regierung dabei sei, das Land mit ihrer Konzeptlosigkeit ins Chaos zu stürzen. Ganz anders die rechtslastige Daily Mail, die stramm auf der Seite der Brexit-Unterstützer steht: Sie bezeichnete Rogers als einen "ehemaligen Handlanger" des früheren Premiers Blair, der die Bürokratie "korrumpiert" habe. In einem Kommentar heißt es: "Das proeuropäische Lager hat endlich einen Helden gefunden für seinen antidemokratischen und bitteren Versuch, den Willen des britischen Volkes zu untergraben."

Nicht viel anders klang es im konservativen Daily Telegraph. Rogers habe mit seiner Kritik an der Regierung "seine Pflichten verletzt", schrieb das Kommentarteam der Zeitung. Rogers scheine das Austrittsvotum im Juni für einen Fehler zu halten und habe zwar "ein Anrecht auf seine Meinung", heißt es weiter. "Aber es stand ihm nicht zu, diesen Eindruck so öffentlich zu machen, wie er es getan hat." Damit habe er der Regierung Schaden zugefügt.

Das waren noch vergleichsweise zurückhaltende Worte – verglichen mit der Berichterstattung Anfang November, als sich der Telegraph zu einer regelrechten Entgleisung hinreißen ließ. Ein Gericht in London hatte damals entschieden, dass die Regierung die Zustimmung des Parlaments einholen muss, bevor sie den EU-Austritt in Gang setzen darf. Die Daily Mail druckte daraufhin auf der Titelseite die Fotos der drei Richter ab, die das Urteil gefällt haben, untertitelt mit den Worten "Feinde des Volkes". 

Selbst für ein Revolverblatt wie die Daily Mail war das ein herausstechend aggressiver Titel. Doch auch der Daily Telegraph entschied sich für eine ähnliche Titelseite: Auch da prangten die Bilder der drei Richter auf der Titelseite. Die Überschrift: "Die Richter versus das Volk". 

Die Titel haben viele Briten alarmiert. Schließlich hat nur wenige Tage vor dem EU-Referendum im Juni ein bekennender Rassist die Labour-Politikerin Jo Cox in ihrem Wahlkreis in Nordengland auf offener Straße angegriffen und regelrecht hingerichtet. Als ihn der Haftrichter nach seinem Namen fragte, entgegnete der mutmaßliche Täter: "Tod für Verräter, Freiheit für Britannien". Die Befürchtung, dass weitere politische Fanatiker solche Titelseiten als Aufruf zur Gewalt verstehen könnten, ist nicht weit hergeholt.