Vielleicht war dies der Beginn einer neuen Ära der sozialistischen Partei in Frankreich: Am Mittwochabend warben Manuel Valls und Benoît Hamon in einer Fernsehdebatte darum, von ihren Anhängern als Kandidaten für die französischen Präsidentschaftswahlen Ende April aufgestellt zu werden. Doch in der zweistündigen Debatte ging es um viel mehr als um die Zukunft der beiden Männer, die vor zwei Jahren noch zusammen in der Regierung von Präsident François Hollande saßen. Sie debattierten um die künftige Ausrichtung der Sozialisten in Frankreich.

Bislang gilt Hamon dank eines radikal sozialen Programm als Favorit dafür, am Sonntag bei den sozialistischen Vorwahlen zu gewinnen. Er verkörpert den Neuanfang einer Partei, die nach fünf Jahren in der Regierung beispiellos unbeliebt ist und die bei der Wahl erstmals darum kämpfen muss, unter den ersten drei Parteien im Lande zu sein. Umfragen zufolge kommen bislang die rechtsextreme Marine Le Pen und François Fillon von den konservativen Republikanern in die Stichwahl. Die Sozialisten liegen dagegen, egal mit welchem Zugpferd, sogar hinter dem unabhängigen aber immer beliebter werdenden parteilosen Emmanuel Macron und dem linken Jean-Luc Mélénchon.

Trotzdem will Valls seine bisherige Politik weiterführen: Bis zu seiner Kandidatur noch Premierminister unter François Hollande, vertritt er den Flügel der wirtschaftsnahen Sozialisten. Er möchte die Ausgaben für Sicherheit, Justiz und Militär erhöhen und die europäische Sparpolitik aufrecht erhalten. Hamon hingegen wartet mit neuen Themen auf: Er sieht Frankreich vor allem in der Schuld, schädliche Substanzen in der Umwelt wie Pestizide oder Weichmacher in Plastik zu verbieten und mehr Geld für chronisch Kranke und Schulen auszugeben. "Die Natur verhandelt nicht mit uns, wir müssen mit Europa neu über Verbote verhandeln", sagte er.

Hamons größtes Projekt aber ist das Grundeinkommen, das allen französischen Bürgerinnen und Bürgern 750 Euro pro Monat garantieren soll. In den ersten Jahren soll es für alle 18- bis 25-jährigen Menschen ausgezahlt werden und rund 40 Milliarden Euro kosten. "Das ist nur soviel, wie wir den Firmen im Pakt der Verantwortung geschenkt haben", spielt Hamon auf den größten neoliberalen Schwenk in der Präsidentschaft von François Hollande an. Französischen Firmen wurde diese Summe an Steuern erlassen, dafür haben sie aber, so sagen es verschiedene Studien, nur einige zehntausend Stellen geschaffen. Auch wegen dieser überraschend angekündigten Steuergeschenke an die Arbeitgeber haben sich viele Anhänger von Hollande von ihm abgewandt.

Damit befinden sich die französischen Sozialisten heute in einer ähnlich schwierigen Situation wie die SPD in Deutschland nach den Agenda-Gesetzen vom früheren SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder. Auch der sozialistische Präsident François Hollande hat in den vergangenen fünf Jahren viele wirtschaftsnahe Entscheidungen getroffen, Unternehmenssteuern gesenkt, die Rechte von Gewerkschaften eingeschränkt und damit viele Stammwähler verschreckt. Und so wie sich damals in Deutschland erst die WASG aus Empörung über die Agenda 2010 gründete und später mit der PDS in der Partei der Linken aufging, ist heute auch links neben der sozialistischen Regierung in Frankreich viel Platz.