Anfang Juli war die britische Politik in Aufruhr. Das Brexit-Votum hatte sie ins Chaos gestürzt. Premier David Cameron trat zurück. Beim Gerangel der Konservativen um seine Nachfolge überlistete erst Leave-Kampagnenchef Michael Gove seinen Mitstreiter Boris Johnson, um kurz darauf selbst aus dem Rennen zu fliegen. Am Ende der Tory-typischen Schlammschlacht blieb eine einzige Kandidatin übrig: Theresa May wurde Premierministerin.

Und die machte sich sofort an die Arbeit. Noch am Abend ihrer Ernennung vor genau einem halben Jahr kündigte May große Veränderungen an. Sie beklagte die "brennende Ungerechtigkeit", die dazu führe, dass arme Briten eine neun Jahre geringere Lebenserwartung hätten als wohlhabendere. Großbritannien müsse zu einem Land werden, "das für alle funktioniert", sagte May damals. Ihre Regierung werde nicht von den Interessen "der wenigen Privilegierten" angetrieben werden, sondern von den Belangen der einfachen Leute. Mit dem EU-Austritt werde Großbritannien "eine mutige, neue, positive Rolle in der Welt einnehmen". Sie werde das Land "in ein besseres Großbritannien" verwandeln, versprach die neue Premierministerin.

Gymnasien und Arbeitnehmerrechte

May reagierte mit ihrer Rede auf den Umstand, dass vor allem Menschen für den Brexit gestimmt hatten, die sich vom Wirtschaftsboom abgehängt fühlten. Doch der moralistische Unterton ihrer Rede war nicht nur kalkuliert. May ist wie Angela Merkel Tochter eines Pastors. Der christliche Glaube helfe ihr, schwierige Entscheidungen zu treffen, sagte sie einmal.

May setzte sich für die Wiedereinführung der grammar schools (die man mit Gymnasien in Deutschland vergleichen könnte) ein, die seit den 1960er Jahren weitgehend durch Gesamtschulen ersetzt worden waren.  May, die selbst so eine Schule besucht hat, wies Vorwürfe zurück, sie wolle ein rückwärtsgewandtes System zurückbringen, das Kinder reicher Eltern bevorzuge. Ganz im Gegenteil: Die Gymnasien würden gerade Kindern aus einkommensschwachen Familien den Start erleichtern und zu mehr Chancengleichheit führen, so die Überzeugung der Premierministerin.

Sie kündigte außerdem an, Arbeitnehmern Sitze an der Firmenspitze von Unternehmen zu garantieren. Zwar gibt es auch in Großbritannien Betriebsräte. Arbeitnehmervertreter in Verwaltungsräten sind im Mutterland des Kapitalismus jedoch unbekannt. Dieser Vorstoß einer konservativen Premierministerin klang wie eine kleine Revolution.

Arbeiten statt Sofalümmeln

May bemühte sich außerdem, alle Zweifel daran zu zerstreuen, den EU-Austritt auch wirklich umzusetzen. Schließlich gilt sie, wenn auch als zaghafte, EU-Befürworterin. "Brexit bedeutet Brexit", erklärte May, und sie werde ihn "zu einem Erfolg machen". In ihrem Kabinett betraute sie drei Vertreter der Leave-Kampagne mit Schlüsselpositionen: David Davis übernahm das neu geschaffene Ministerium für den Austritt aus der Europäischen Union, das in die Downing Street Nr. 9 einzog, direkt neben Mays Regierungssitz. Boris Johnson wurde Außenminister, Liam Fox, ein weiterer Brexit-Hardliner, Minister für Internationalen Handel.

Unter der Premierministerin hat sich die Arbeitsweise der Regierung zudem dramatisch verändert. Anders als noch unter David Cameron wurden wichtige politische Entscheidungen nicht mehr von einem auserwählten Elite-Zirkel hinter verschlossenen Türen sondern im versammelten Kabinett getroffen. Die berühmt-berüchtigte Sofaecke, die noch aus der Amtszeit Tony Blairs stammte, flog aus dem Premierbüro in der Downing Street heraus und wurde durch einen Arbeitstisch mit Stühlen ersetzt. Insider berichten, bei Kabinettstreffen gäbe es jetzt lebhafte Diskussionen, bei denen May nicht nur aufmerksam zuhöre, sondern sich oft selbst in die Debatten einbringe und dabei eine große Sachkenntnis in vielen Bereichen zeige.

Doch da beginnen offenbar die Probleme. May hängt aus ihrer Zeit als Innenministerin der Ruf nach, ein Kontrollfreak zu sein. Und auch als Premierministerin überlässt sie Berichten zufolge viele Entscheidungen nicht ihren Ministern oder Mitarbeitern, sondern möchte selbst bis ins kleinste Details wissen, was vor sich geht. Bereits am Vorabend von Treffen müssten Kabinettsmitglieder und Mitarbeiter Papiere einreichen, damit May sie noch lesen könne, heißt es.