Zugleich kommt die Regierung in der wohl allerwichtigsten Frage für die Zukunft des Landes, dem EU-Austritt, seit Monaten offenbar kaum voran. Im November sorgte ein an die Presse geleaktes Dokument mit dem Namen Brexit Update für Aufregung. Darin war von Streit innerhalb der Regierung die Rede. In zahlreichen Ministerien und Behörden werde derzeit an mehr als 500 Projekten gearbeitet, ohne dass diese Häuser konkrete Anweisungen von der Regierung erhalten hätten, was London bei den EU-Austrittsverhandlungen überhaupt erreichen wolle.

Der Beamtenapparat sei schon jetzt mit dem Arbeitspensum überfordert. Die Regierung müsse 30.000 weitere Beamte einstellen, um der zusätzlichen Arbeit überhaupt Herr zu werden. May habe sich "den Ruf erworben, sich in Entscheidungen einzumischen" und Detailfragen persönlich zu klären. Diese Herangehensweise sei "nicht aufrecht zu erhalten".


Die Premierministerin war außer sich. Der Bericht stamme nicht von der Regierung, sondern von einer Beraterfirma, ließ Downing Street wissen. Er repräsentiere in keiner Weise, was innerhalb der Regierung vor sich gehe. Deloitte, die Beraterfirma, entschuldigte sich für den Leak und räumte ein, der Bericht sei ohne direkten Zugang zum Büro der Premierministerin verfasst worden. Später zog das Unternehmen alle Bewerbungen um Regierungsaufträge zurück –  offenbar auf Wunsch der Premierministerin.

Hardlinerin in Sachen Einwanderung

Eine Menge deutet jedoch darauf hin, dass der Inhalt des Berichts stimmt. Als Anfang des Monats Großbritanniens Botschafter bei der EU, Ivan Rogers, unter großem Lärm seinen Posten in Brüssel niederlegte, erhob er in einer E-Mail an seine Mitarbeiter (die natürlich sofort geleakt wurde) eine Reihe schwerer Vorwürfe. Rogers deutete an, dass führende Minister keine Kritik hören wollten. Von "unbegründeten Argumenten und konfusem Denken" innerhalb der Regierung war die Rede. Rogers wütender Rücktritt verdeutlicht, wie tief der Graben sein muss, der sich seit Mays Amtsantritt zwischen der Regierung und Teilen des Beamtenapparats aufgetan hat.

Mays Angst vor einem Kontrollverlust könnte zudem erklären, warum sie sich so vehement dagegen sträubt, das britische Parlament in ihre Brexit-Entscheidungen einzubeziehen. Es bedurfte eines Urteils des High Courts in London, um festzustellen, dass die Abgeordneten des Unterhauses in den Brexit-Prozess eingebunden werden müssen.

Als rechtslastige Tageszeitungen die beteiligten Richter nach der Entscheidung Anfang November heftigst attackierten (die Daily Mail bezeichnete die Richter auf ihrer Titelseite als "Feinde des Volkes"), wurde die Regierung scharf kritisiert, weil sie die Richter nicht in Schutz genommen hatte. Darauf angesprochen, entgegnete May kühl, sie glaube eben an die Pressefreiheit.

Ein weiterer Ruf, den sich May in ihrer Zeit als Innenministerin erworben hat, ist der einer Hardlinerin in Sachen Einwanderung. Im Jahr 2013 ließ May einige Wochen lang Lieferwagen mit Reklametafeln herumfahren, auf denen stand: "Geht nach Hause oder macht euch auf eine Festnahme gefasst". Ausreisewillige illegale Einwanderer sollten sich bei einer Hotline des Innenministeriums melden, das dann die Rückreise in das jeweilige Herkunftsland organisieren würde. Die Aktion ging erwartungsgemäß in die Hose. Die zuständige Behörde hatte fast durchgehend mit Scherzanrufen zu tun. Gerade einmal elf Personen folgten dem Aufruf und verließen das Land. Selbst May räumte später den bescheidenen Erfolg der Aktion ein.