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Geboren wurde sie vor über einem Jahrhundert in Russland, aber heute ist die Schriftstellerin und Philosophin Ayn Rand eine der einflussreichsten intellektuellen Kräfte in der amerikanischen Politik. Der Sprecher des Repräsentantenhauses Paul Ryan bezeichnete ihre Bücher als den "Grund, dass ich in die Politik gegangen bin". Präsident Trump nannte ihren Roman Der ewige Quell als eins seiner Lieblingsbücher. Und viele in Trumps Team, darunter Außenminister Rex Tillerson und CIA-Direktor Mike Pompeo, sind ebenfalls Verehrer Ayn Rands. Jahr für Jahr erreichen ihre Bücher eine breite Leserschaft: Zusammengenommen verkaufen sich jährlich etwa eine Million Exemplare ihrer Bücher. Nicht schlecht für eine Autorin, deren letztes größeres Werk 1957 veröffentlicht wurde!

Wie erklärt sich der anhaltende Einfluss von Ayn Rand unter amerikanischen Konservativen? Und was verrät ihre konstante Beliebtheit uns darüber, in welche Richtung die neue Regierung Trump steuern könnte?

Die Wurzeln von Rands Ideen liegen in der russischen Revolution. Aufgezogen wurde sie als Alissa Rosenbaum in St. Petersburg, eine von drei Töchtern einer wohlhabenden jüdischen Familie. Die Bolschewiken übernahmen die Macht in ihrem Heimatland, als sie zwölf Jahre alt war, und ihre bürgerliche Familie war eine der Zielscheiben des neuen Regimes. Der sowjetische Staat bemächtigte sich des väterlichen Chemiebetriebs und stürzte so die Familie in die Armut. Ausreichend Anlass, sich gegen den Kommunismus zu wenden.

Aber Alissa, ein schüchterner Bücherwurm, sah die Revolution als Teil von etwas Größerem und noch Schädlicherem. Der Kommunismus war nicht nur ein politisches, sondern auch ein ethisches System, dem die Gemeinschaft mehr galt als das Individuum. Um den Kommunismus zu bekämpfen, so schlussfolgerte sie, war es in erster Linie nötig, das Individuum zu verteidigen. Und zu diesem Zweck musste die gesamte Grundlage der westlichen Moral infrage gestellt werden. Rand, eine Atheistin, hielt die christliche Moral für die Wurzel des Problems. Um den weltweiten Kampf gegen den Kollektivismus zu gewinnen, bräuchte die Gesellschaft ein neues Moralsystem, welches das Individuum über alles stellte. Diesem Ideal sollte sie ihr Leben widmen.

Aber zunächst suchte Rand ihre persönliche Freiheit. Mithilfe ihrer Familie gelang es ihr, 1926 aus Russland zu fliehen und sich in Hollywood niederzulassen, wo sie eine erfolgreiche Karriere als Drehbuchautorin machte. Entschlossen, sich neu zu erfinden, nahm sie wie ein Filmsternchen einen neuen Namen an: Ayn Rand.

Das "rote Jahrzehnt"

Erst in den dreißiger Jahren, im Tumult von Wirtschaftskrise und politischem Notstand in Europa, begann Rand, der Politik in ihrer neuen Heimat Aufmerksamkeit zu widmen. Sie hatte nie aufgehört, den Kommunismus zu hassen, aber sie glaubte nicht, dass er Amerika gefährlich werden könnte. Nun aber, inmitten des "Roten Jahrzehnts", als unzählige Intellektuelle und Autoren sich dem Kommunismus zuwandten, begann Rand das Schlimmste zu befürchten. Besondere Sorgen machten ihr der New Deal des demokratischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt. Ursprünglich hatte sie Roosevelt unterstützt, weil er gelobt hatte, die Prohibition zu beenden. Als er aber Hilfsprogramme vorstellte, die Rolle des Staates in der Wirtschaft ausweitete und sich von Intellektuellen beraten ließ, die Rand "pink", also "links angehaucht" vorkamen, empfand sie Roosevelt zusehends als eine Gefahr für die amerikanische Freiheit.

Um diese Zeit herum stellte sie Der ewige Quell fertig – den Roman, den Trump zu seinen Lieblingsbüchern zählt. Der Held des Buches ist Howard Roark, ein selbstständiger Architekt, der gegen den Herdengeist ankämpft. Durch Roark sang Rand ein Loblied auf den Individualismus. Auch benutzte sie ihren Roman, um den New Deal und Roosevelt zu kritisieren. Amerikanische Konservative erkannten in ihr sofort eine Gleichgesinnte.