Almanyi und Inglizi sind Zauberwörter in Bagdad. Ein Blick auf unsere Pässe genügt und wir werden bei fast jeder Straßensperre in Bagdad durchgewunken. Ich als Deutsche und mein Kollege, der britische Fotograf Jacob Russell, sind qua Nationalität offenbar unverdächtig in einer Stadt, in der alle paar Tage eine Bombe hochgeht.

Seit mehr als einem Jahr bin ich zum ersten Mal wieder in Bagdad. Was mich beim letzten Besuch in der irakischen Hauptstadt noch geschockt hatte, finde ich inzwischen normal: Sprengschutzmauern, die Stadtteile voneinander trennen. Stacheldraht, Schlagbäume, Wachtürme, Sandsackbarrieren an jeder Kreuzung. Bewaffnete in den Uniformen von Militär, Polizei, Antiterroreinheiten und unzähligen privaten Sicherheitsdiensten. Die totale Militarisierung einer Millionenstadt.

Was anders ist als beim letzten Aufenthalt: Bagdad pulsiert wieder. Damals, im Dezember 2015, standen die Bewohner noch unter dem Schock eines scheinbar unaufhaltsamen "Islamischen Staats" (IS). Jetzt sind die Märkte voll. Eltern streifen mit ihren Kindern durch den Park und die Museen. In unserem Hotel findet eine Party nach der anderen statt. Frisch verheiratete Paare, deren Gesichtsausdruck zwischen ungeduldiger Vorfreude (vor allem beim Bräutigam), nervösem Lächeln und mühsam kontrollierter Panik (vor allem bei der Braut) schwankt, defilieren jeden Abend durch die Lobby ins Zimmer für die Hochzeitsnacht. Familien und Freunde feiern derweil auf dem Parkplatz.

"Das Leben muss doch weitergehen"

Bombenanschläge? "Habibti", sagt eine strahlende Mama, die gerade ihre Tochter verheiratet hat, "dagegen können wir nichts machen. Das Leben muss doch weitergehen." Mit dem Terror des IS gehen die Bagdader inzwischen um wie mit Naturkatastrophen und Autounfällen. Verheerend, aber nicht zu ändern. Für Ausländer ist das gewöhnungsbedürftig. Aber nach ein paar Tagen in Bagdad kann ich es nachvollziehen.

Jeder weiß, dass es in den kommenden Wochen noch schlimmer werden wird. Fast täglich kommt es zu Anschlägen, der schwerste war der auf einem Markt für Gebrauchtwagen in Al-Bayaa mit über 50 Toten. Zu allen Attentaten hatte sich der IS bekannt.

Schüsse ertönen vom Ufer des Tigris

In Mossul, dessen Ostteil inzwischen vom IS befreit ist, haben Armee und Spezialeinheiten den Angriff auf den Westteil der Stadt begonnen. Also steigert der IS wieder die Frequenz seiner Anschläge in der Hauptstadt und in anderen Teilen des Landes. Und trotzdem ist die Terrorgruppe längst nicht mehr das wichtigste Thema in Bagdad. Die Wut auf Korruption und die Angst vor einem innerschiitischen Krieg beherrschen die Debatten.

Es ist Samstagmittag, auf den Teppichen unseres Hotels hat sich der Glitterstaub der Hochzeitsfeiern festgetreten, da ertönen vom nahe gelegenen Ufer des Tigris plötzlich Schüsse. Die Brücken über den Fluss sind für den Verkehr gesperrt. Polizisten in Kampfanzügen rücken mit Wasserwerfern vor. Muktada al-Sadr, Führer der immer noch mächtigsten schiitischen Bewegung im Land, hat zur Großdemonstration aufgerufen. Gegen Korruption. Gegen das herrschende Wahlgesetz. Gegen "die Eliten".