Am Ende blieb die Frage des Reporters an Benjamin Netanjahu unbeantwortet. Würde sich der Premier, wenn er sich nun in den USA mit dem neuen Präsidenten Donald Trump treffe, weiterhin zur Zweistaatenlösung bekennen? Das wollte der israelische Journalist von Netanjahu wissen. Es war der Montagmittag auf dem Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv, wenige Minuten vor dem Abflug des Regierungschefs in die USA. "Komm mit mir mit, dann wirst du eine klare Antwort hören", sagte Netanjahu, seine Frau Sara an der Seite.

Ansonsten gab Netanjahu nur beschwichtigende Worte von sich, als er vor die Mikrofone und Kameras der Journalisten trat, die ihn in die USA begleiten. Er sprach von einem "sehr wichtigen Treffen mit Präsident Trump", von der Allianz zwischen Israel und Amerika, die schon immer sehr stark gewesen sei und die jetzt noch stärker werden würde. Er und Trump hätten die gleichen Ansichten, was die Gefahren in der Region, aber auch die Chancen angehe. Dann stiegen die Netanjahus das Treppchen zum Flieger hinauf und entschwanden.

Dabei hätten in Israel viele gerne eine wirkliche Antwort auf die Frage des Reporters erhalten: Was ist mit der Zweistaatenlösung? Vor dem Treffen zwischen Trump und Netanjahu sind viele Fragen offen. Unklar ist auch einiges, was die Position der USA angeht: Wie lange wird die neue Regierung dem angekündigten massiven Siedlungsbau zusehen? Und in inwiefern wird sich Trump einer Lösung des Nahostkonflikts widmen?

Außerdem fragt man sich in Israel am Dienstagmorgen, inwiefern der Rücktritt von Trumps nationalem Sicherheitsberater Michael Flynn das Treffen überschatten könnte. Schließlich sei Flynn, so schreibt Barak Ravid in der Tageszeitung Haaretz, maßgeblich an der Planung des Treffens beteiligt gewesen. Flynn war in die Kritik geraten, weil er noch vor seinem Amtsantritt mit dem russischen Botschafter telefoniert und eine Aufhebung der Sanktionen gegen Russland besprochen haben soll.

Netanjahu, der Getriebene

Zahlreiche offene Fragen – in Israel schaut man deshalb mit Spannung auf das Treffen der beiden Männer. Es wird für die unter Obama zuletzt abgekühlten Beziehungen zwischen den beiden Staaten wegweisend sein. 

Im Konflikt mit den Palästinensern wirkt Netanjahu derzeit wie ein Getriebener, der es allen recht machen muss: Er will es sich weder mit Trump verscherzen, von dem man bisher nicht genau weiß, ob und inwiefern er Israel in Sachen Siedlungsbau in die Schranken weisen wird, noch mit den Ultrarechten in seiner Regierung, die den Premierminister derzeit vor sich hertreiben mit ihrer Forderung nach dem Ende der Zweistaatenlösung. Allen voran machen Bildungsminister Naftali Bennett und Justizministerin Ajelet Schaked, beide von der Partei Jüdisches Heim (Habait Hajehudi), seit Wochen Druck. Netanjahu könne Trump überzeugen, das Thema Zweistaatenlösung fallen zu lassen. Er habe die diplomatischen Fähigkeiten dazu, schmeichelten die beiden dem Premier während der Sitzung des Sicherheitskabinetts am Sonntag.

Drastischer äußerte sich Bennett zuvor auf seiner Facebook-Seite: Wenn Trump und Netanjahu der Errichtung eines palästinensischen Staates zustimmten, würden alle in den kommenden Jahren die Folgen spüren, schrieb er. "Die Erde wird beben." Und: Die zwei Worte "palästinensischer Staat" seien ein historisches Disaster.

Auch Politiker aus seiner eigenen Partei gaben Netanjahu radikale Forderungen mit auf den Weg. Gilad Erdan, Minister für Innere Sicherheit, sagte am Montag auf einer Konferenz in Jerusalem mit Blick auf Trump, man habe viel Hoffnung und sei sehr optimistisch. Die Palästinenser müssten den Preis dafür zahlen, dass sie Israel nicht als jüdischen Staat anerkennen – und zwar indem sie den Bau neuer Wohneinheiten auch außerhalb bereits bestehender Siedlungen hinnähmen. Wer etwas anderes sage, sei ein Linker, so Erdan laut Medienberichten.