Es passt, dass David Davis, Minister für den Austritt Großbritanniens aus der EU, in diesen Tagen mit belegter Stimme spricht. Heiser erklärte Davis am Dienstag, die Kernfrage sei einfach: "Vertrauen wir dem Volk oder nicht?" Der Minister eröffnete damit die Debatte im Parlament über das Gesetz, mit dem der Brexit nach Artikel 50 des EU-Vertrags eingeläutet werden soll. Die einfache Antwort lautet: Den Parlamentsabgeordneten, die das Volk vertreten, traut die Regierung jedenfalls nicht.

Am Mittwochabend ließ sie die Abgeordneten über ihr Austrittsgesetz abstimmen. Am Donnerstag präsentierte Davis aber erst das Weißbuch zum Brexit – immer noch heiser und über die Worte eines Textes stolpernd, den er dort, am Rednerpult im Parlament, offenbar zum ersten Mal sah. Das Weißbuch hätte den Abgeordneten die Grundlage für ihre Abstimmung über Artikel 50 liefern sollen.

Es ist der erste detaillierte Entwurf, den die britische Regierung zu der Frage veröffentlicht, wie sie sich den Brexit vorstellt. Als die Abgeordneten nach den ersten zwei Debattentagen mit überwältigender Mehrheit für den Austritt stimmten, fehlte ihnen diese Information. Sie wussten nur das, was Premierministerin Theresa May am 17. Januar in zwölf grob skizzierten Punkten verraten hatte, nämlich im Wesentlichen, dass Großbritannien auch den europäischen Binnenmarkt und die Zollunion verlassen will, um die Arbeitnehmerfreizügigkeit und die Rechtsaufsicht durch den Europäischen Gerichtshof abzuschütteln.

Schon darauf hatte May lange warten lassen. Monatelang wich sie nicht aus ihrer tautologischen Bastion, Brexit bedeute Brexit, und jedes Wort mehr spiele nur dem Verhandlungsgegner, der EU, in die Hände. Die Parlamentsabstimmung zum Brexit zwang ihr das oberste Gericht des Landes auf. Dem Urteil der Richter, die Volksvertreter müssten über den Austritt entscheiden, entsprach sie mit dem kürzestmöglichen Gesetz (136 Worte inklusive Titel) und der kürzestmöglichen Debattierzeit (fünf Tage im Unterhaus, ein paar Tage mehr für die Lords im Oberhaus).

In dem Weißbuch gibt die Regierung nun auf 77 Seiten Erläuterungen zu ihrem Brexitplan. Danach strebt sie eine möglichst reibungslose Trennung von der EU und keinen allzu harten Brexit an. Es sei im Interesse beider Seiten, eine "neue strategische Partnerschaft" einzugehen. Angestrebt wird neben einem umfassenden Freihandelsvertrag auch eine neue Zollvereinbarung.

Deutlich wird auch, dass Mays Regierung möglichst nahe am bisherigen Status bleiben möchten. In einigen Wirtschaftsbereichen, heißt es, könnten die bisherigen Binnenmarktregeln weitergeführt werden. Auch bei den für Großbritannien so wichtigen Finanzdienstleistungen ist die Regierung um möglichst viel Zugang zum EU-Markt bemüht. Herausgestellt wird, dass derzeit 75 Prozent der Kapitalmarktgeschäfte in der EU über den britischen Finanzplatz abgewickelt werden. Die Regierung fürchtet offensichtlich, dass bei einem zu harten Brexit Banken und Finanzdienstleister genauso wie Industrieunternehmen in die EU abwandern könnten.

Seit Monaten hatten die Briten darauf gewartet, dass die Premierministerin ihnen verrät, wie sie sich die Zukunft außerhalb der EU denkt. Jetzt lüftete sie den Schleier. Ihr Weißbuch verschwand jedoch schnell wieder aus den britischen Nachrichten. Die BBC meldete das Ereignis am Abend nur noch an dritter Stelle, nach einem umstrittenen Menschenrechtsanwalt, der wegen Unredlichkeit seine Lizenz verlor, und dem Ende eines langen Zugführerstreiks. Das Weißbuch enthalte nichts Neues, kommentierte der Guardian, es biete nichts als die aufgemotzte Brexit-Rede Mays.

Die Briten sind zermürbt

Das Land ist zermürbt. Das Brexit-Referendum hat die Briten nicht nur tief gespalten und aufgewühlt wie seit Langem kein politisches Ereignis, es hat sie vor allem ratlos hinterlassen: Weil Mays unglückseliger Vorgänger David Cameron es seinen Beamten untersagt hatte, Szenarien für den Fall eines Austritts zu entwerfen, und weil die Propagandisten des Austritts es während der Referendumskampagne vermieden, sich auf ein Brexit-Modell festzulegen, blieben die Bürger im Unklaren, was Brexit tatsächlich bedeuten würde. Der zutiefst EU-skeptische konservative Europaabgeordnete Daniel Hannan versicherte in seiner Kampagne für den Austritt: "Absolut niemand spricht davon, unseren Platz im Binnenmarkt zu gefährden". Cameron und George Osborne auf der anderen Seite warben für den Verbleib in der EU, weil ein Austritt genau das bedeute: den Austritt auch aus dem Binnenmarkt.