So viel Kritik aus den eigenen Reihen ist Elizabeth Warren nicht gewohnt. Die Senatorin aus Massachusetts, eigentlich ein Liebling der progressiven Demokraten, erntete auf ihrem Facebookprofil vor wenigen Tagen Hunderte harsche Kommentare. Grund für die Aufregung: Warren hatte für den Neurochirurgen Ben Carson als neuen Chef des Ministeriums für Wohnungsbau und Stadtentwicklung gestimmt, das unter anderem über Milliardenprogramme für einkommensschwache Haushalte entscheidet. Der ehemalige republikanische Präsidentschaftskandidat Carson war bis dahin vor allem aufgefallen, weil er Homosexualität als heilbar, Armut als "Entscheidung" und sich selbst als unqualifiziert für einen Regierungsposten bezeichnet hatte.

"Okay, lasst uns über Ben Carson sprechen", begann die demokratische Senatorin ihren Eintrag, in dem sie sich länglich für ihr Ja in der Abstimmung im Senat rechtfertigte. Carson sei nicht der Kandidat, den sie sich gewünscht habe. "Aber dieser Kandidat kann nicht der Maßstab sein." Doch so wirklich beruhigen konnte Warren die aufgebrachten Kritiker unter ihren fast drei Millionen Facebookfans nicht. "Wenn Sie an Carson glauben, dann glauben Sie auch an Trump", schrieb ein Nutzer unter ihren offenen Brief. "Millionen von uns haben darauf gehofft, dass Sie das Bollwerk gegen Trump bilden. Jetzt wissen wir, dass wir uns nicht auf Sie verlassen können", urteilte ein anderer.

Unter den Aktivisten, die seit dem Amtsantritt von Donald Trump im ganzen Land auf die Straße gehen, Flughäfen lahmlegen und Apps von Unternehmen wie Uber von ihren iPhones verbannen, weil die angeblich Trump nahestehen, hat sich Frust über das demokratische Parteiestablishment in Washington breitgemacht. Denn während sie selbst auf jede neue Anordnung des Präsidenten mit Protestkundgebungen und Anruflawinen in den Büros der Kongressmitglieder reagieren, haben die Demokraten Trump ihrer Ansicht nach bisher zu wenig entgegengesetzt. Obwohl sie im Senat noch immer über eine beachtliche Zahl von Sitzen verfügen, sei das, was die Demokraten derzeit täten, nichts weiter als "symbolische Opposition", meint auch Steffen Schmidt, Politikwissenschaftler an der Iowa State University: "Den Republikanern fehlt es an jeglichem Respekt für die Kollegen."

Vor allem die Führung der Demokraten bekommt die Wut der eigenen Basis über die nach ihrer Meinung zu schwache Opposition zu spüren. Vor dem Haus des New Yorker Senators Chuck Schumer, dem Minderheitenführer im Senat, riefen Aktivisten vor wenigen Tagen zur Spontandemo. Sie drängten den Senator nicht nur, Trumps Kabinettsvorschläge pauschal abzulehnen, sondern forderten auch seinen Rückzug.

Zwar hat Schumer sich selbst und seinen Bundesstaat als Speerspitze des Widerstands gegen Trump positioniert und immer wieder lautstark gegen die Schritte des Weißen Hauses Stellung bezogen. Doch die aufgebrachte Basis hat dem Senator nicht verziehen, dass er noch im Januar seine Zeit damit verbrachte, US-Airlines zu attackieren, weil diese ihre Passagiere für die Benutzung der Gepäckfächer zahlen lassen wollten, anstatt sich ganz in die Opposition gegen den neuen Präsidenten zu stürzen. Als Schumer schließlich drei von Trumps Kabinettsvorschlägen seine Stimme gab, witterten seine Kritiker Verrat. Die Demokraten müssten den Widerstand gegen Trump entweder aktiv unterstützen oder Platz machen für die, die es täten, forderte Markos Moulitsas, Gründer der progressiven Nachrichtenseite Daily Kos, in der New York Times.

Spontaner Protest

Die Drohgebärden der Basis wirken. Vor allem Demokraten, deren Sitze im Kongress 2018 zur Wiederwahl stehen oder die Ambitionen auf Ämter in der Partei oder im Kongress haben, bemühen sich derzeit auffällig, ihre Empörung über Trump und seine Entscheidungen zu zeigen. Cory Booker, ein afroamerikanischer Hoffnungsträger aus New Jersey, dem viele sogar Potenzial für die Präsidentschaft bescheinigen, bezog als erster Senator öffentlich Stellung gegen Jeff Sessions, der oberster Strafverfolger werden soll. In einer leidenschaftlichen Rede rief Booker die anderen Senatoren auf, gegen den Konservativen zu stimmen. Und als Trump seinen Einreisestopp für Personen aus sieben vorwiegend muslimischen Ländern verhängte, eilte Booker noch am selben Abend zum Washington Dulles International Airport, um dort vor laufenden Kameras eine Protestrede zu halten.