Es war eines seiner wichtigsten Wahlversprechen. Er werde dafür sorgen, dass Obamas Gesundheitsreform wieder abgeschafft werde, sagte Donald Trump wieder und wieder vor jubelnden Anhängern. Und tatsächlich unterschrieb er sofort nach seiner Amtseinführung eine Anordnung, das Ende des Affordable Care Act, wie die Reform offiziell heißt, einzuleiten.

Doch seine republikanischen Parteifreunde im Kongress, die auf diesen Moment mehr als sechs Jahre lang gedrungen hatten, haben es nun plötzlich nicht ganz so eilig. Bei Treffen mit Bürgern in ihren heimatlichen Wahlbezirken, so berichtete die New York Times, sehen sie sich mit Fragen konfrontiert, wie der von Trump als "fantastisch" angekündigte Ersatz für die Barack Obama geschaffene Krankenversicherung für alle aussehen wird.

"Darauf habe ich keine Antwort", musste Jim Sensenbrenner, ein republikanischer Kongressabgeordneter aus Wisconsin, einräumen. Einige republikanische Abgeordnete behaupten, der Unmut der Wähler sei von den Demokraten inszeniert. "Nein, das ist echte Angst", sagte dagegen Gus Bilirakis, Abgeordneter aus Florida, dem Nachrichtendienst Bloomberg, nachdem er bei einem Bürgertreffen unter anderem mit Plakaten begrüßt worden war, auf denen stand:  "Ja zur Versorgung, nein zum Chaos" und  "Was sagst du den 43.000 Bürgern in deinem Wahlkreis, die vom Affordable Care Act abhängen?"  

Trump beherrscht mit den Skandalen um sein Team und seinen außenpolitischen Wendungen weiterhin die Schlagzeilen. Doch fast unbeachtet hat im Kongress gleichzeitig eine neue Zeit begonnen. Sie könnte den Fortschritt in Washington bringen, den sich die Amerikaner so lange vergeblich gewünscht hatten. Die Republikaner, die Trumps demokratischem Vorgänger Obama während seiner beiden Amtszeiten jegliche Zusammenarbeit verweigert hatten, sehen sich nun plötzlich in der Regierungsverantwortung. Und unter Druck, Kompromisse zu schließen, auch mit der demokratischen Opposition. 

Im Fall der von ihnen so verhassten Obamacare stehen die Republikaner vor der Aufgabe, eine Alternative zu dem von ihnen gehassten Gesetzeswerk anzubieten. Denn sollte ihnen das nicht gelingen, droht ihnen ein heftiger politischer Preis bei den nächsten Kongresswahlen 2018.

Beschäftigt mit den Dauerattacken auf Obamas wichtigstem politischen Triumph ist den Republikanern entgangen, dass sich das Land seit der Einführung der Gesundheitsreform 2010 verändert hat. Viele Amerikaner haben sich an deren Vorteile gewöhnt und haben durch sie zum ersten Mal überhaupt eine Krankenversicherung. Dank Obamacare dürfen Versicherer die Aufnahme nicht mehr verweigern, weil eine Vorerkrankung besteht. Das ist eine wichtige Errungenschaft für die 133 Millionen Menschen im Land, die unter chronischen Krankheiten leiden.

Bis zu drei Millionen junge Erwachsene profitieren von der Regelung, dass sie bei ihren Eltern mitversichert sind, bis sie 26 Jahre alt sind. In 31 Bundesstaaten wurde die staatliche Gesundheitsversorgung für Arme ausgeweitet und deckt nun 15 Millionen Menschen zusätzlich ab. Für viele Betroffene bedeutet es, endlich einen Arzt aufsuchen zu können, ohne sich verschulden zu müssen.

Ausgeblieben ist dagegen die massenhafte Vernichtung von Arbeitsplätzen, eines der Horrorszenarien, das die Republikaner als Folge der Reform beschworen. Stattdessen wurden rund 14 Millionen Stellen geschaffen. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 4,8 Prozent, und die Zahl der Unversicherten im Land ist auf neun Prozent gesunken – so wenige waren es noch nie seit Einführung der modernen Gesundheitsversorgung.

Amtseinführung - Trumps und Obamas Reden im Vergleich Der Tonfall in den Reden zur Amtseinführung von Barack Obama 2009 und Donald Trump 2017 unterscheidet sich erheblich. Wir haben Auszüge nebeneinander gestellt. © Foto: Zeit Online