Der britische Philosoph Anthony Clifford Grayling ist einer der führenden Kritiker des Brexit-Kurses der Regierung von Theresa May. Grayling sitzt in einem Armsessel in seinem Büro im New College of The Humanities, das er gegründet hat und leitet. Aus seinem Büro blickt er über den Bedford Square im Zentrum von London.

ZEIT ONLINE: Herr Grayling, Sie haben nach dem EU-Referendum im vergangenen Juni alle Abgeordneten des Unterhauses angeschrieben. Was haben Sie ihnen da mitgeteilt?

A. C. Grayling: Seit dem ersten Brief habe ich vier weitere Briefe an alle Abgeordneten geschrieben. Meine These lautet, dass die politische Legitimität des EU-Austritts sehr fragwürdig ist. Denn bevor das Parlament das Gesetz verabschiedet hat, das die Grundlage für das Referendum gebildet hat, war allen Abgeordneten wiederholt gesagt worden, dass das Ergebnis nicht bindend sein werde. Das Gesetz hat kein Mandat vorgesehen, das die Regierung oder das Parlament in irgendeiner Weise dazu verpflichtet hätte, dem Ergebnis zu folgen.

Die Brexiteers setzen jetzt jedoch auf Populismus und sagen, das Ergebnis des Referendums sei rechtlich bindend. Das Volk hat gesprochen! Dabei haben nur 37 Prozent der Wahlberechtigten für den EU-Austritt gestimmt. Das sind 26 Prozent der Bevölkerung. Zu behaupten, dass das britische Volk die EU verlassen wolle, ist Unsinn. Die Mehrheit der britischen Bevölkerung will in der EU bleiben.

Gerade diese Woche kam eine Umfrage heraus, der zufolge 13,5 Prozent der Leave-Wähler mittlerweile ihre Meinung geändert haben. Bei dieser Umfrage wurden 44.000 Menschen befragt. Das war eine große Umfrage.

ZEIT ONLINE: Nach außen hin wirkt es derzeit jedoch eher so, als habe die Remain-Seite aufgegeben. Es gab in letzter Zeit keine nennenswerten Proteste und das Unterhaus hat kürzlich der Regierung grünes Licht für den Beginn des EU-Austritts gegeben. Ist die Remain-Seite damit nicht Vergangenheit?

Der britische Philosoph und Brexit-Gegner Anthony Clifford Grayling © privat

Grayling: Sie könnten nicht falscher liegen. Ich bin in den vergangenen Monaten durch das Land gefahren und habe zahlreiche Reden gehalten, bei denen ich darüber gesprochen habe, was man gegen den Brexit tun kann und was die langfristigen Pläne sein sollten. Das waren große Treffen, zu denen Hunderte von Leuten gekommen sind. Viele Gruppen arbeiten derzeit an Anti-Brexit-Kampagnen, wie Unite For Europe oder European Movement. Wir hatten hier erst vergangene Woche ein Treffen mit Vertretern verschiedener Gruppen und haben beschlossen, dass wir uns nicht zu einer Organisation zusammenschließen werden. Denn wir möchten viele unterschiedliche Stimmen haben.

Aber wir werden die Arbeit dieser Gruppen koordinieren. So werden wir am 25. März, dem 60. Jahrestag der Römischen Verträge, einen großen Protestmarsch in London abhalten, den Unite For Europe March. In dieser Zeit wird es in jeder größeren Stadt – Newcastle, Manchester, Birmingham, Bristol, Oxford – jede Woche Treffen von Pro-EU-Gruppen geben, die sehr aktiv sind. Und das wird auch nicht einfach aufhören. Wir befinden uns in einer sehr ungewöhnlichen Situation.

Dass es an dem Tag, an dem das Parlament für das Gesetz über den Beginn der Austrittsverhandlungen mit der EU abgestimmt hat, keinen Protest gegeben hat, lag daran, dass sich der Gesetzgebungsprozess immer lange hinzieht. Man muss auf das endgültige Ergebnis warten. Und das werden wir am 7. März sehen, wenn sich das Oberhaus mit dem Gesetzentwurf befasst hat. Der Ministerrat wird dann wahrscheinlich am 9. oder 10. März den EU-Austritt in die Wege leiten.

ZEIT ONLINE: Spätestens damit ist es für Remain dann aber doch gelaufen.

Grayling: Nein, das wird die Anti-Brexit-Kampagnen nicht aufhalten. Und das wird uns auch nicht davon abbringen, zu glauben, dass wir den Brexit stoppen können. Die Brexiteers werden viele Hürden nehmen müssen. Und sie könnten an jeder einzelnen stürzen. Bis jetzt hatten sie ja keine großen Hürden zu bewältigen.