Die jüngste Personalentscheidung von Donald Trump ist seltsam – weil sie so normal ist. Der US-Präsident scheint seinen neuen obersten Sicherheitsberater nach den herkömmlichen Kriterien ausgewählt zu haben: Kompetenz, Erfahrung, Ansehen. Nach all den Radikalen und Außenseitern, die Trump zuvor in sein Team geholt hatte, kommt nun mit General McMaster einer, der allen passt. Das allein ist schon überraschend genug.

McMaster ist ein mit den höchsten militärischen Ehren ausgezeichneter, gebildeter Mann. Er wird von Linken, Liberalen und Rechten geachtet – und ist, so weit wie man das als Militär sein kann – ein Freigeist.

Seine Biographie liest sich wie die eines militärischen Archetypen: Aufgewachsen in Philadelphia, wechselt er mit 18 auf ein Militärinternat und besucht danach die angesehene US-Militärakademie in West Point, New York. 

Nach seiner ersten Auslandsstation Bamberg zog er in den Ersten Golfkrieg. Dort leitete er als 29-Jähriger bereits einen historisches Einsatz: Sein Bataillon wurde beim Battle of 73 Easting von der Irakischen Republikanischen Garde überrascht. Mit neun Panzern zerstörte McMasters Truppe alle 28 irakischen Panzer, 16 bewaffnete Personenwagen und 30 Trucks, in 23 Minuten. In US-Militärschulen gilt der Einsatz heute als beispielhaft, der Autor Tom Clancy beschreibt 73 Easting in seinem Buch Armored Cav und McMaster wurde für seinen Einsatz der Silver Star verliehen – ein militärischer Orden für "auffallenden Heldenmut".

In seinem Einsatz im Zweiten Irakkrieg begründete er im Kampf um Tal Afar die Counterinsurgency-Taktik clear, hold and build, die General David Petraeus, Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte, für den ganzen Irakeinsatz übernahm. Statt feindliche Truppen nur zu besiegen und erobertes Territorium zu schützen, versuchten McMaster und Petraeus zusätzlich, die heimische Bevölkerung auf ihre Seite zu ziehen und sie für den Wiederaufbau zu gewinnen.

Solche militärischen Ehren sind in den USA nicht erst seit Trump oft Wegbereiter für eine politische Karriere. Ein Blick in Trumps Kabinett: Verteidigungsminister James Mattis und Minister für Innere Sicherheit John Kelly sind Ex-Generäle. Michael Flynn, McMasters Vorgänger, der vergangene Woche wegen fragwürdiger Kontakte nach Russland zurücktreten musste, war ebenfalls General der US-Armee.

McMaster ist Militär – und Intellektueller

Im Gegensatz zu Mattis, Kelly und Flynn ist McMaster aber nicht nur Militär, sondern auch Intellektueller. Er studierte Geschichte in North Carolina, machte einen Master of Arts und danach noch einen Doktor. Seine Abschlussarbeit Dereliction of Duty – Vernachlässigung der Pflicht – war eine kritische Abhandlung über Kriegspolitik und den Einfluss opportunistischer Politiker auf militärische Entscheidungen im Vietnamkrieg. Das Buch wurde ein unüblicher Bestseller.

McMaster belegt darin, wie sich militärische Verantwortliche von politischem Druck aus Washington haben fehlleiten lassen. Die Regierungen unter John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson ignorierten die Ratschläge ihrer eigenen Militärchefs, wenn es ihnen politisch passte. Ihre Fehlentscheidungen waren es, die nach McMasters Analyse zur Niederlage in Vietnam führten. Dereliction of Duty gilt heute als Standardwerk darüber, was in der Kommunikation zwischen militärischen und politischen Führungskräften schiefgehen kann.

McMaster zieht Parallelen von den falschen Entscheidungen in Vietnam zu falschen Entscheidungen im Irak – während er selbst dort eingesetzt war. "Wir verstanden nicht, was es für eine Gesellschaft heißt, in einer Diktatur mit ethnischen und religiösen Grenzen zu leben", sagt er einem Reporter des New Yorker. "Wir machten eine Menge Fehler. Wir waren wie ein blinder Mann, der mit guten Absichten kam, und dabei eine Menge zerstörte." McMasters wird in der sehr ausführlichen Reportage als "einer der talentiertesten Militärs" bezeichnet, und als "Humanist".

Der Beratungsfirma McKinsey schrieb McMaster 2012 eine Lektüreliste für militärisches Führungspersonal. Darunter Carl von Clausewitz' Vom Kriege, das er für seine "dialektische Herangehensweise" lobt. Außerdem Thukydides' Geschichte des Peloponnesischen Krieges, durch die er die klassischen Kriegsgründe "Angst, Ehre, Eigeninteresse" historisch belegt sieht.

Liberale und Konservative sind sich einig über McMasters Nominierung

Die kritische Einstellung zum Krieg im Allgemeinen und dem eigenen Irakeinsatz im Speziellen, hat ihn mehrfach Beförderungen gekostet. Zwei Mal wurde er übergangen, bevor er seinen ersten Generalsstern bekam. Beim dritten Versuch setzte General Petraeus ihn persönlich im Gremium durch.

Es ist selten, dass der liberal-urbane New Yorker und konservative Militärs wie Petraeus sich über eine  Person einig sind. Der Respekt vor McMaster zieht sich quer durch das politische Spektrum. "McMaster wird die Mächtigen kritisch begleiten", zitiert die Washington Post einen Forscher der konservativen Hoover Institution. Der Atlantic nennt die Nominierung von McMaster eine "unmissverständlich gute Nachricht". Der republikanische Senator John McCain, Donald Trumps lautester Kritiker aus den eigenen Reihen, nennt McMasters Nominierung "eine herausragende Wahl".

Vizepräsident Mike Pence soll, so Trump, in die Entscheidung "involviert" gewesen sein. Mit Außenminister Rex Tillerson und CIA-Chef Mike Pompeo teilt McMaster seine kritische Einstellung zu den russischen Aggressionen in Osteuropa und Syrien.

Auf seine Einstellung deutet auch eine von ihm geschriebene Rezension im Wall Street Journal hin. Vergangenes Jahr schrieb er dort über The Unquiet Frontier, ein Buch zweier Geopolitikexperten zur relativ neuen Konflikttaktik des "probing", des Austestens von Grenzen. "Russland, China und Iran nutzen aggressive Diplomatie und militärische Aktionen um Amerikas Bereitschaft, sich und seine Partner zu schützen, auf die Probe zu stellen", schreibt McMaster. China mache das im Südchinesischen Meer, Iran mit der Unterstützung terroristischer Gruppen und Russland mit der Annexion der Krim.

McMaster, Tillerson und Pompeo könnten mit ihrer Professionalität eine Achse der Berechenbarkeit in der Trump-Regierung bilden. Darauf hofft zumindest die Washington Post, die McMasters einen "No-Nonsense"-Kandidaten nennt. Sie könnten eine "vereinte Front" gegen die extremen Dogmatiker in der Regierung bilden, Stephen Bannon und Justizminister Jeff Sessions etwa. Und gegen jene, die Probleme mit "Interessenkonflikten, Ehrlichkeit und Impulsivität" haben. Gegen Präsident Trump selbst also.