Das Drohnenprogramm des "Islamischen Staats" (IS) ist durch die Brille der Propaganda ein Erfolg. Seit Kurzem bringen die Dschihadisten vermehrt Videos in Umlauf, in denen es wunderbar funktioniert: Ferngesteuerte Fluggeräte auf Hobby-Niveau, bestückt mit kleinen Granaten oder Bomben, finden ihre Ziele und richten schweren Schaden an.

Dass der IS an solchen Fähigkeiten arbeitet und sie seit 2014 einsetzt, ist bekannt. Vor allem zu Aufklärungszwecken wurden Drohnen zunächst benutzt, längst jedoch auch für hinterhältige Angriffe – insbesondere im Irak, wie die US-Armee jüngst noch einmal bestätigte. Doch die von den USA unterstützten irakischen Truppen konnten demnach auch viele der Drohnen abschießen. Die Zahl der erfolgreichen Attacken ist bislang gering. Man sollte diese "Luftwaffe" der Terroristen daher weder unter- noch überschätzen.

Aber sie geben sich alle Mühe, wie Dokumente nahelegen, die das Combating Terrorism Center (CTC) der amerikanischen Militärakademie in West Point ausgewertet hat. Eine Mitarbeiterin der Harvard Universität hatte sie von einem Forschungsaufenthalt im Irak mitgebracht. Sie wurden geborgen aus einem Haus in Mossul, wo der IS offenbar solche Angriffe vorbereitet hatte, auch Drohnen wurden dort gefunden. Es sind, offenbar aus dem Jahr 2015, Aufzeichnungen über Einsätze, Material- und Checklisten oder auch Genehmigungsschreiben – die CTC-Experten kommen nach Analyse der Dokumente unter anderem zu dem Schluss: Hinter dem Drohnenprogramm des IS steht eine hochbürokratische Organisation.

So findet sich beispielsweise ein Formular, offenbar auszufüllen von Drohnenpiloten, in dem Details einer Mission teilweise angekreuzt werden (etwa ob Aufklärung oder Bombardierung), außerdem Angaben zu Ort, Beteiligten, Flugkoordinaten gemacht werden sollen. Die ausgefüllten Dokumente aus dem Fund beziehen sich alle auf Trainingsmissionen. Die augenscheinlich akribische Auswertung der Versuche zeigt in der Tat: Die Drohneneinsätze des IS sind keine Einzelfälle, in denen clevere Einheiten sich das günstige und relativ leicht zu beschaffende Material hier und da zunutze machen – es ist ein strategisches Rüstungsprojekt, das sehr ernst genommen wird.

Tüfteln mit tödlicher Ladung

Deutlich wird in den Dokumenten, dass der IS systematisch an der Weiterentwicklung der eingesetzten Geräte arbeitet. Was dabei zustande kommt, ist allerdings nicht gerade auf höchstem Niveau. Die CTC-Experten sagen: Ein kluger Schüler könnte so etwas entwickeln und zusammensetzen. Das bedeutet vor allem, dass die ertüftelten Lösungen nicht perfekt sind, auch wenn sie immer besser werden: Die Drohnen werden eingesetzt, und sie haben auch Feinde des IS getötet. Dass die heute erhältlichen Amateurgeräte immer günstiger werden und immer leichter auch ohne Vorkenntnisse zu beherrschen sind, macht sie nur attraktiver.

Kameras, Speicherkarten, GPS-Ortung und diverse Ersatzteile gehören neben Drohnen zu den Dingen, die für das Programm beschafft werden. Darüber hinaus Geräte, die zeigen: Es geht insbesondere darum, die Übertragungen sicherer zu machen (Verschlüsselung), die Reichweite zu erhöhen und den Abwurf tödlicher Ladung zu verbessern. Dabei stoßen die kleinen Amateurgeräte schnell an ihre Grenzen, weil sie nur wenig Gewicht tragen können. Vor knapp einem Jahr untersuchten Ermittler des Conflict Armament Research eine Drohnenwerkstatt des IS, in der offenbar größere Drohnen von Grund auf selbst konstruiert wurden. Dort fanden sie auch eine zerlegte sowjetische Boden-Luft-Rakete, deren Sprengkopf die dort gebauten Drohnen wohl tragen sollten.

Wie der IS versucht, moderne Waffensysteme zu entwickeln, hatte zuletzt auch ein internes Papier belegt, das der ZEIT vorlag. Darin fanden sich kühne Projekte wie ein "selbstkühlender Anzug", womöglich um sich gegen Wärme-Ortungssysteme zu schützen, aber auch Technologien, die gefährlich weit fortgeschritten waren und deren Einsatz Experten und Militärs bestätigen konnten.

Was das Drohnenprogramm angeht, sind die vom CTC ausgewerteten Dokumente auch nur ein kleiner Einblick in die Bemühungen des IS, tödliche Strategien und Ausrüstung zu perfektionieren. Insbesondere das US-Militär stellt sich aber mit einigem Druck auf die neue Gefahr aus der Luft ein. Eigene Fluggeräte und Abwehrmittel werden entwickelt, um die kleinen Angreifer zu entdecken, zu stören oder abzuschießen. Und die Armee empfiehlt inzwischen Einheiten auf Patrouille, mindestens ein Soldat solle immer den Himmel im Auge behalten, um nicht von Drohnen überrascht zu werden.