ZEIT ONLINE: Herr Hahn, Sie sind in der EU-Kommission zuständig für die Erweiterung der Union. Wir wissen aber, dass die Europäer nicht erweitern wollen. Mit welchen Argumenten vertreten Sie diese doch schwierige Sache?

Johannes Hahn: Für den Westbalkan, aber auch auf die weitere südliche und östliche Nachbarschaft gilt: Entweder exportieren wir Stabilität, oder wir importieren Instabilität. Das gilt in besonderer Weise für den Westbalkan. Ich vergleiche das mit einer Pfanne voller Öl. Es reicht ein Streichholz – und alles steht in Flammen. Eine langfristige Befriedung der Region gibt es nur durch die EU-Perspektive. 

ZEIT ONLINE: Sie meinen, die Westbalkanstaaten könnten der EU auch verloren gehen?

Hahn: Es ist in unserem ureigensten Interesse, dass es in diesen Ländern keine Unruhe und Instabilität gibt. Das würde den Migrationsdruck nur noch weiter erhöhen.

Ich möchte aber auch betonen, dass diese Region ein wirtschaftliches Hoffnungsgebiet ist. Es gibt dort Wirtschaftswachstum, das doppelt so hoch wie der europäische Durchschnitt ist. 20 Millionen Menschen leben auf dem Westbalkan. Das ist ein Markt, den man entwickeln kann. Das birgt viele Chancen. Voraussetzung aber sind Stabilität, Frieden und Rechtssicherheit.

ZEIT ONLINE: Vor wenigen Wochen kam es zu einem heftigen Kausseronflikt zwischen Serbien und Kosovo – es war sogar von Krieg und Gewalt die Rede. Ist das nicht ein Zeichen dafür, dass es in der Region eher Rückschritte als Fortschritte gibt?

Hahn: Dieses Ereignis ist nur ein Beleg meiner These, dass jedes Land zwar Fortschritte gemacht hat, aber diese noch nicht auf einem abgesicherten Fundament stehen. Ein falsches Wort kann zum Ausbruch eines Konfliktes führen.

ZEIT ONLINE: Was tut die Kommission dagegen?

Hahn: Ich setze auf zwei Dinge. Erstens: die wirtschaftliche Entwicklung. Die Menschen dort brauchen eine Perspektive. Es gibt eine hohe Jugendarbeitslosigkeit, es gibt einen Braindrain. Das müssen wir stoppen. Und es gibt ja ermutigende Fortschritte.

Als wir mit Serbien die Beitrittsverhandlungen aufgenommen haben, gab es einen Schwung neuer Investitionen aus dem Ausland. Die Unternehmen hatten das Gefühl, dass Serbien nun ernsthaft mit der EU verhandelt. Damit stieg die Aussicht auf Rechtssicherheit. Die Investoren investieren, wenn sie sich auf das Justizsystem verlassen können. Wir müssen also den Rechtsstaat stärken.

Zweitens: den sogenannten Berlin-Prozess. Das ist eine Form der multilateralen Zusammenarbeit in den Bereichen Verkehr, Energieversorgung und Jugendaustausch. Das führt zu einer stärkeren Vernetzung der einzelnen Staaten und Gesellschaften. Wir wollen die positiven Abhängigkeiten durch Arbeit an Projekten gemeinsamen Interesses stärken. Dann wird der Appetit auf Konflikte abnehmen.

ZEIT ONLINE: Ist die politische Elite Serbiens ihrer Meinung nach eindeutig nach Europa orientiert, oder haben Sie Zweifel?

Hahn: Serbien hat eine ganz spezielle jüngere Geschichte und eine entsprechende kulturelle Dimension. Stichwort orthodoxe Kirche. Das muss man berücksichtigen. Ich glaube, dass die vernünftigen Kräfte im Land – und dazu zähle ich den Premierminister Aleksandar Vučić –  sehr wohl wissen, dass die europäische Perspektive alternativlos ist, sofern man dem Land Frieden und Wohlstand bringen will.

Es gibt freilich in Serbien immer noch Politiker, die eine nationalistische Rhetorik pflegen. Das ist kontraproduktiv, weil es den Blick in die belastete Vergangenheit lenkt statt in eine positive Zukunft. Die Präsidentenwahl in Serbien wirft ihren Schatten voraus. Mir ist diese Entwicklung nicht verborgen geblieben. Deshalb werden wir im März ein Treffen der Ministerpräsidenten der sechs Westbalkanländer der Region organisieren. Wir müssen zusehen, dass das, was geschaffen wurde, nicht gefährdet wird.

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