ZEIT ONLINE: Werden die Nationalisten auf dem Balkan lauter, weil die EU schwächelt?

Hahn: Ich denke, dass der Nachbar unserer Nachbarn, also Russland, nicht untätig geblieben ist. Außerdem gibt es ja auch innerhalb der EU die Versuchung, Wände hochzuziehen. Auch in der EU ist man manchmal der irrigen Meinung, dass man damit etwas erreichen kann.

ZEIT ONLINE: Haben Sie denn Belege für schädlichen russischen Einfluss in der Region?

Hahn: Das ist in der Tat schwer auszumachen. Darin besteht ja auch die Qualität des sogenannten Hybridkrieges. Ich meine, es wird langfristig keine Auswirkungen haben. Aber gut ist das nicht. Wir wollen ja eine friedvolle Zusammenarbeit mit Russland. Auch Russland müsste ein Interesse an einer stabilen Nachbarschaft haben. Denn auch Russland muss ja für die eigenen Bürger wirtschaftliche Prosperität schaffen. Je enger die Beziehungen sind, desto besser ist es für alle Beteiligten. Das gilt eben auch für Russland.

ZEIT ONLINE: Führt Russland einen Hybridkrieg auf dem Westbalkan?

Hahn: Ich würde nicht so weit gehen und von einem Krieg sprechen. Aber es gibt Desinformation und gezielte Einflussnahmen, um eine bestimmte Stimmung zu befördern und Bilder zu erzeugen. Das sind mittlerweile klassische Methoden. Das wird den Fortgang der Ereignisse allerdings nicht nachhaltig beeinflussen. Davon bin ich überzeugt.

Europa ist da in einer guter Position. Denn der Bezug zu Europa ist in den Westbalkanstaaten so stark, dass jeder Politiker, der wiedergewählt werden will, sich auf Europa ausrichten will. Wir wollen uns dabei freundschaftlich und partnerschaftlich verhalten.

ZEIT ONLINE: Freundschaftlich sein, reicht das? Der Präsident der Teilrepublik Republika Srpska, Milorad Dodik, betreibt doch ziemlich offen die Abspaltung seines Landesteiles von Bosnien-Herzegowina. Müsste man da nicht Zwangsmitteln anwenden?

Hahn: Ich glaube, dass Zwangsmittel grundsätzlich zu keinem Ergebnis führen. Wir können aber mit Anreizen arbeiten. Auch Präsident Dodik ist daran interessiert, seine Position zu behaupten. Das geht nur mit der EU. Die Republika Srpksa hat nur eine wirtschaftliche Perspektive, wenn sie mit der EU zusammenarbeitet. 

Dazu aber gehört auch, dass in ganz Bosnien-Herzegowina Gerichtsurteile respektiert werden. Das ist leider nicht der Fall. 80 Höchstgerichtsurteile sind in BIH letzthin folgenlos geblieben.

ZEIT ONLINE: Und da kann man nur mahnen und drängen?

Hahn: Unsere Partner am Westbalkan wollen ja etwas von uns, nämlich eine Perspektive auf die EU-Mitgliedschaft. Es geht um einen nachhaltigen Beweis, dass diese Staaten in der europäischen Demokratie und in unserem Verständnis von Rechtsstaatlichkeit angekommen sind. Dazu gehört, dass man Gerichtsurteile respektiert. Wenn das nicht funktioniert, kann es auch den nächsten Integrationsschritt nicht geben. Deswegen bevorzuge ich es, von einem Prozess zu reden und nicht von Verhandlungen.

ZEIT ONLINE: Stichwort Mazedonien. Sie haben sich da stark engagiert. Im Mai 2015 gab es aus guten Gründen Massendemonstrationen gegen den damaligen Ministerpräsidenten Nikola Gruevski. Mehr als zwei Jahre später sitzt er immer noch fest im Sattel. Können sie verstehen, dass viele der Demonstranten enttäuscht sind und sich von der EU allein gelassen fühlen?

Hahn: Es ist in unserem Interesse, Stabilität und eine rechtsstaatliche Entwicklung in der ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien zu haben. Jedes Land auf dem Balkan soll eine europäische Perspektive haben. Dazu gehört, dass man in einem evolutionären Prozess den Wandel voranbringt. Wir haben uns sehr engagiert. Wir haben einer Reihe von Ergebnissen zustande gebracht. Immerhin sind freie und faire Wahlen über die Bühne gegangen. Es ist für das Land besser, wenn – sicher mit einem gewissen Aufwand –  diese Entwicklung friedvoll vorangetrieben wird.