ZEIT ONLINE: Ist die EU nur an Stabilität am Westbalkan interessiert? Hauptsache Ruhe?

Hahn: Es ist blauäugig zu glauben, wir könnten einen regime change von außen herbeiführen. Das ist auch nicht unsere Absicht. Wir respektieren unsere Partner als souveräne Staaten. Unsere Soft Power besteht ja darin, dass wir Stabilität und Wohlstand mit friedlichen Mitteln herstellen können. Wir können nicht auf der einen Seite von Rechtsstaatlichkeit und demokratischen Prozessen reden und gleichzeitig die Leute auf dem Westbalkan wie auf einem Schachbrett hin- und herschieben.

ZEIT ONLINE: Bei den Wahlen in den Westbalkanstaaten hat die Wahlbeteiligung stetig abgenommen. Das Vertrauen in den demokratischen Prozess geht verloren …

Hahn: Ich würde das anders sagen. Das Vertrauen in die Demokratie ist noch nicht da. Daran müssen wir arbeiten. Wir müssen, wie wir das in Skopje sehr wohl demonstriert habe, beweisen, dass die Dinge sich im Rahmen einer demokratischen Verfasstheit zum Besseren verändern können. Wenn das nachhaltig ist, werden sich die Leute auch an den Wahlen beteiligen. Sie werden feststellen, dass ihre Stimme tatsächlich zählt. Sie kommen ja aus eine Geschichte, in der ihre Stimme nicht zählte. Diese Menschen müssen das Vertrauen gewinnen, dass das anders sein kann und sein wird. Und dass sie selbst von diesem Wandel durch mehr Freiheit, Rechtssicherheit und Prosperität profitieren. Kurzum: dass sie eben eine Wahl haben.

ZEIT ONLINE: Sind Sie sicher, dass alle Staaten des Westbalkans früher oder später zu EU gehören werden?

Hahn: Das muss unser Ziel sein.

ZEIT ONLINE: Gibt es einen Zeitrahmen?

Hahn: Es hat keinen Sinn, von einer Zeitperspektive zu reden. Wichtig ist es, dass sich alle politischen Kräfte in diesen Ländern darauf konzentrieren, Reformen umzusetzen. Dabei müssen die Bürger mitgenommen werden. Die EU ist kein Bestimmer. Aber wir haben eine klare Botschaft. Wenn ihr heute investiert, dann kriegt ihr morgen etwas zurück. Es lohnt sich also. Die Leute müssen spüren, dass sich ihr Leben bessert. Wir haben zum Beispiel inzwischen gute Gesetze für den Kampf gegen die Korruption, aber es fehlt noch an der Umsetzung. Da muss es vorangehen, mit konkreten Verfahren – und Verurteilungen, wenn es gerechtfertigt ist.

ZEIT ONLINE: Sie kennen die Anekdote, die man sich im Westbalkan gerne erzählt. Jetzt haben wir uns so bemüht und dann zerfällt die EU

Hahn: Auf Wienerisch würde man sagen: Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben. Ich sehe da keine Gefahr. Wir haben gesehen, dass nach dem Brexit die Zustimmung zur EU zugenommen hat. Die Stärke und Faszination Europas ist doch, dass wir letztendlich irgendwie immer zurande kommen. Wir sind nicht umsonst der Kontinent der rationalen Entscheidungsfindung.