All diese Verzerrungen könnten informierte, aufmerksame Bürger umschiffen, wenn ihnen eine Vielfalt an Deutungen der politischen, wirtschaftlichen und  sozialen Wirklichkeit zugänglich wäre. Experten schätzen jedoch, dass rund 90 Prozent der Medien AKP-nahe Nachrichten bringen. Insbesondere in ländlichen Regionen können ohnehin nur die staatlichen Sender empfangen werden, die die Agenda der Regierung verbreiten. Oppositionelle Sichtweisen sind kaum zu sehen oder zu hören.

Deshalb kann sich Erdoğan recht siegesgewiss als Vollstrecker des Volkswillens präsentieren. Er kann mit guten Gründen davon ausgehen, dass das Volk genau das will, was es wollen soll – und was er will. Aus der Intelligenzforschung ist bekannt: Es ist leichter, das Volk zu überzeugen als das Parlament; dafür braucht es weniger ausgeprägter kognitiver Ressourcen.

Das Referendum ist auch für Deutschland wichtig. Von den etwa 5 Millionen Türkischstämmigen im Ausland leben rund 3 Millionen in Deutschland. Etwa die Hälfte von ihnen besitzt noch einen türkischen Pass. 1,4 Millionen Deutschtürken können sich also am Referendum beteiligen. Die Registrierung für das Wählerverzeichnis hat bereits begonnen.

Die meisten Türken in Deutschland unterstützen die AKP

Sollte der Ausgang des Referendums in der Türkei wider Erwarten knapp werden, könnten möglicherweise die Türken in Deutschland den Ausschlag geben. Legt man die Ergebnisse der letzten Wahl vom November 2015 zugrunde, kann die AKP hierzulande mit einer Unterstützung von rund 60 Prozent rechnen. Viele der hier lebenden Türken sind konservativ und religiös eingestellt und stehen deshalb der konservativ-islamistischen türkischen Regierungspartei nahe. Das liegt unter anderem daran, dass die erste Generation der türkischen Gastarbeiter meist aus zurückgebliebenen ländlichen Regionen der Türkei kam und eine konservativ-islamische, autoritäre Haltung mitbrachte. Die pflanzt sich in ihren Familien oft bis heute fort.

Die Türken in Deutschland könnten daher mit ihrer Stimme Erdoğan eine große Machtfülle bescheren und zum weiteren Abbau demokratischer Strukturen in der Türkei beitragen, wovon sie selbst gar nicht betroffen wären. Eine ethisch und demokratisch höchst fragwürdige Möglichkeit. 

Der deutschen Politik fällt als Konsequenz eine äußerst wichtige integrationspolitische Aufgabe zu: Sie muss die Zugewanderten ansprechen und zur politischen Partizipation hier, wo sie leben, ermuntern. Sie muss ihre staatsbürgerliche, soziale und kulturelle Gleichberechtigung voranbringen, damit Solidarpotenziale mit den Menschen hier, in ihrer unmittelbaren Lebenswelt, ausgebaut werden. Und damit sie weniger anfällig werden für demokratiegefährdende, autoritäre Tendenzen.