Wo ist bloß der langjährige Hauptdarsteller der Sicherheitskonferenz? In diesem Jahr muss man im Münchner Bayerischen Hof nach Diskussionen über Russland schon etwas suchen. Das ist ungewohnt. In den vergangenen drei Jahren stand Russland stets im Mittelpunkt. Zwar waren früher nur wenige russische Politiker zu sehen, weil sie sich nicht angiften lassen wollten. Aber dann redeten wenigsten alle anderen über das Land. Über die Intervention in der Ukraine, den hybriden Krieg, das Eingreifen in Syrien. Russland, das war die Hauptsorge der versammelten Strategen und Politiker.

Und heute? Im Foyer fragt mich ein russischer Abgeordneter sarkastisch, was denn in Deutschland los sei. Ob denn Putin nicht mehr der Bösewicht Nummer eins sei? Der russische Politiker ist darüber nicht erleichtert: "Aber ihr mögt Donald Trump nicht?!!" Der US-Präsident ist ein Schock für die Deutschen, antworte ich. "Schon klar", gibt er zurück, "weil Trump mit Putin eng zusammenarbeiten will." Meine Antwort, dass Trump uns viel größere Probleme bereite als "Zusammenarbeit", will der Politiker nicht hören. Er ist davon überzeugt: Das deutsche Problem mit Trump sei in Wahrheit unser Problem mit Putin.

Dann betritt Sergej Lawrow mit Schwung die große Bühne. Die Rede des russischen Außenministers war in den vergangenen Jahren einer der Höhepunkte der Sicherheitskonferenz. Vor zwei Jahren verglich er die Wiedervereinigung mit der Krim-Annexion – nur dass die Deutschen "kein Referendum" abgehalten hätten. Über diese gezielte Dreistigkeit zerrissen sich anschließend viele den Mund. Während er jetzt ans Pult tritt, begrüßen sich der ehemalige ukrainische Premier und Putin-Kritiker Arseni Jazenjuk und der aserbaidschanische Präsident Ilcham Alijew sehr herzlich im Zuschauerraum und vertiefen sich in einen Plausch. Sie sollten nichts verpassen.

Lawrow leiert etwas lustlos und überraschend kurz den Katalog russischer Ansichten herunter. Die Nato sei eine Institution des Kalten Krieges – das habe ich schon mal gehört; das Ende der westlich-liberalen Dominanz der Welt sei da – das schreiben wir in der ZEIT selbst. Es komme eine "gerechtere", postwestliche Ordnung. Hätte er das "gerecht" weggelassen, hätte ich sogar genickt. Kein Schocker, keine Dreistigkeit. Er scheint darüber selbst etwas unglücklich zu sein, grantelt ein bisschen und verfällt dann ins Dozieren über Minsk, wo alle aussteigen, die nicht täglich die schmerzhaften Windungen des russisch-ukrainischen Konflikts verfolgen. Lawrow regt nicht mehr auf.

Die Russen werden auf dieser Sicherheitskonferenz zwar oft erwähnt, aber sie sind irgendwie zur Nebensache geworden. Alle Augen richten sich auf den Elefanten im Raum, der nicht gekommen ist, sondern seinen Vizepräsidenten geschickt hat: Donald Trump. Von Lawrow bekam er großes Lob, allerdings nicht auf der Bühne, sondern hinter verschlossenen Türen. Lawrow sagte, Europa mache den Amerikaner sehr zu Unrecht schlecht. Das sagte auch der russische Abgeordnete, den ich im Foyer traf.

Die europäische Abneigung gegen Trump haben diese Politiker erkannt. Aber sie beziehen diese auf sich und scheinen darin keine Chance zu sehen. Das überrascht mich. Wäre jetzt nicht die Zeit, den Europäern Avancen zu machen?

Die russische Trumpomanie finde ich reichlich emotional. Ich hätte die russischen Außenpolitiker für cooler gehalten. Aber noch ist nicht das letzte Wort gesprochen. Mal sehen, was der Obertaktiker Putin aus der Gemengelage macht.