Die Sache ist so klar, dass es fast obszön ist, sie überhaupt noch zu diskutieren. In der Türkei sitzt ein deutscher Journalist in Haft: Deniz Yücel wird angeklagt wegen Datenmissbrauch, Terrorpropaganda und Aufwiegelung der Bevölkerung. Nur, weil er seine Arbeit gemacht hat.

Natürlich ist es Unrecht, dass Yücel als Verbrecher behandelt wird. Natürlich muss er freikommen. Dass dies nicht geschieht, sagt einiges aus über die Türkei. Und auch etwas über die deutsche Seite.

1. In der Türkei ist niemand mehr sicher (Journalisten sowieso nicht)

Das ist das Signal, das von dieser Entscheidung ausgeht. Angesichts des unmittelbaren Durchgriffs, den der Präsident Recep Tayyip Erdoğan im Ausnahmezustand und nach den Tausenden Entlassungen und Umbesetzungen in der Justiz hat, ist davon auszugehen, dass er dieses Signal bewusst sendet: Niemand ist unantastbar, egal woher er kommt und für wen er arbeitet. Damit kommt zum eigentlichen Drama in der Türkei, der Einschüchterung der eigenen Bevölkerung, nun die Bedrohung der Beobachter und Besucher hinzu. Yücel ist ein politischer Gefangener.

Er ist Journalist. Das Verfahren gegen ihn ist eine Drohung gegen alle Journalisten und gegen alle, die es wagen, Erdoğans Vorstellung von der "neuen Türkei" zu kritisieren – oder nur über die Kritik daran zu berichten. Yücel ist auch Ausländer. Er hat einen türkischen Pass und einen deutschen. Damit richtet sich die Drohung gegen alle Ausländer, die in der Türkei für Organisationen arbeiten, deren Ausrichtung Erdoğan nicht gefällt.

Vergleichbare Fälle finden sich nur in Diktaturen. Von Dezember 2013 bis Februar 2015 sperrte das Regime des ägyptischen Präsidenten Abdel Fatah al-Sissi drei Journalisten des Senders Al-Jazeera wegen angeblicher Unterstützung der Muslimbrüder ein. In Erdoğans Türkei gilt jeder kritische Bericht über die Kurden-Politik als Unterstützung von Terroristen.

Weil die türkische Regierung ausländischen Journalisten auch systematisch die Presseakkreditierung und damit die Aufenthaltsgenehmigung vorenthält, wird die Berichterstattung immer schwerer, das Bild des Landes verschwommener.

2. Deutschtürken? Deutsche oder Türken?

Der Doppelpass ist ein Versprechen. Mit der Erlaubnis, Staatsbürger zweier Länder zu sein, erkennen Nationalstaaten eine andere Herkunft, die zweite Identität von Menschen an – auf formalstmögliche Weise.

Erdoğan politisiert diese doppelte Zugehörigkeit, er erwartet auch von Doppelstaatlern Parteinahme für seine "neue Türkei". Wenn diese ihn kritisieren, sind sie in seinen Augen besonders schlimme Verräter und sollten entsprechend behandelt werden. Ironischerweise ähnelt diese Argumentation der Haltung deutscher Doppelpass-Gegner, die es ebenfalls unzumutbar finden, wenn sich ein Mensch nicht voll und ganz für eine Identität (und damit gegen eine andere) entscheiden will.

Im Fall Yücel zeigt sich zudem, wie anfällig das Konstrukt des Doppelpasses ist. Deutsche, die auch einen türkischen Pass haben, dürfen von deutschen Konsulaten und Botschaften in der Türkei nicht betreut werden. So wie sie in Deutschland als Deutsche behandelt werden, gelten sie in der Türkei als Türken. Das bedeutet für alle, die zwischen den Ländern wechseln, sei es für Arbeit oder Urlaub, dass sie nicht geschützt sind, wenn die türkische Regierung sie als Gegner betrachtet.