Samstagvormittag, kurz vor 11 auf dem Marktplatz von Spijkenisse in Südholland. Blumenhändler verpacken Tulpen, Fischverkäufer pressen Makrelenfleisch in aufgeschnittene Brötchen und rund um den Kirchturm verstopft feuchter kalter Nebel den Blick aufs Wesentliche.

Willkommen in der Welt von Henk und Ingrid, einem alteingesessenen niederländischen Paar aus der unteren Mittelschicht. Henk und Ingrid arbeiten hart, kommen finanziell gerade so über die Runden, sie haben es nicht leicht. Niemand hat ihnen in ihrem Leben je etwas geschenkt. Weil sie von der Elite des Landes schon lange vergessen wurden, fühlen sie sich betrogen. Aus ihrer Sicht führen sie ein Leben am Abgrund. Weil die angebliche Islamisierung der Niederlande ihre Heimat zerstört.

Henk und Ingrid kennt in den Niederlanden fast jeder. Obwohl es sie in Wahrheit gar nicht gibt, hat das Paar einen eigenen Wikipedia-Eintrag und ist Teil der Alltagskommunikation. Henk und Ingrid wurden in der Rhetorik-Kiste von Geert Wilders erfunden, einem Ort, an dem die Realität oft ins Extreme verzerrt wird. Für den armen Henk und die arme Ingrid, sagte der bekannteste lebende Populist der Niederlande einmal, betreibe er Politik. "Nicht für Ali und Fatima."

Niederlande - Geert Wilders und die Ängstlichen In weniger als vier Wochen wählen die Niederländer ein neues Parlament. Der Rechtspopulist Geert Wilders könnte mit seiner Partei für die Freiheit stärkste Kraft werden. Wie denken die, die ihn unterstützen? © Foto: Michael Kooren/Reuters

Wenn Henk und Ingrid wirklich existierten, müssten sie hier auf dem Marktplatz im beschaulichen Spijkenisse stehen. Schließlich kommt ihr Erfinder auch gleich vorbei. Es ist offizieller Wahlkampfauftakt für die Partij Voor de Vrijheid (PVV). Die Aufregung ist groß, die Medienpräsenz noch größer. Eine Frau, die extra angereist ist, sagt, sie könne sich nicht vorstellen, Geert Wilders zu wählen. Aber da so viel über ihn berichtet wird, will sie ihn einmal sehen, in echt.

Was passiert, wenn Wilders gewinnt?

Am 15. März 2017 können alle Niederländer ein neues Parlament wählen. Glaubt man einigen Umfragen, könnte die PVV mehr Stimmen bekommen als alle anderen Parteien. Wobei man diese PVV nicht so leicht mit allen anderen Parteien vergleichen kann. Die Partij Voor de Vrijheid ist keine normale politische Gruppierung. Ihr Freiheitsversprechen soll vor allem für die Henks und Ingrids gelten, sie will die Zuwanderung aus muslimischen Ländern stoppen, Ausländer ausweisen, den Koran verbieten und die Niederlande, den einst so stolzen Gründungsstaat der EU, aus der Union führen. Der wichtigste Unterschied zu anderen Parteien besteht im Konstrukt der PVV. Sie hat nur ein Mitglied: Geert Wilders. Was die PVV macht, bestimmt nur er.

Wegen dieses Mannes schauen so viele Europäer auf die Parlamentswahl in den kleinen Niederlanden. Wenn Wilders die Wahl wirklich gewinnt, könnte das Signalwirkungen haben für andere anstehende Wahlen in diesem Jahr. Sollte Marine Le Pen in Frankreich ebenfalls triumphieren und bei den Wahlen in Deutschland sowie in Italien die Gegner einer offenen Gesellschaft und eines geeinten Europas deutlich dazugewinnen, könnte die Europäische Union, wie wir sie kennen, bald Geschichte sein.

Wenn es nach Geert Wilders geht, wird heute unter dem Kirchturm auf dem Marktplatz in Spijkenisse der Anfang vom Ende der EU eingeläutet. Neben dem Fischstand hat sich ein Mann mit Sonnenbrille und Pegida-Schal aufgebaut. Er verteilt Flyer und schimpft. Dieses Holland sei nicht mehr sein Land. Es werde Zeit, eine Mauer zu bauen. Seinen Namen will er nicht nennen. Gut möglich, dass er Henk heißt.