Gisela Stuart wartet in der Empfangshalle des Westminster-Palastes in London. Der hohe Raum ist reich mit Mosaiken verziert. Lehrer führen Schulklassen herum, Polizisten sichern die Zugänge zu den Korridoren, die zum House of Commons, zum House of Lords und zur Westminster-Halle führen, dem ältesten Teil des gewaltigen britischen Parlamentsgebäudes.

Stuart ist 61, hat kurze graue Haare und ist eine der schärfsten EU-Kritikerinnen Großbritanniens. Sie passt in keine Schublade. Stuart ist weder eine euroskeptische Konservative, noch kommt sie aus der alten Linken, die schon immer ein Problem mit der EU hatte. Stuart ist Labour-Abgeordnete, stammt aus Deutschland und setzt sich dafür ein, den Zuzug von EU-Bürgern nach Großbritannien zu begrenzen.

Als sich vor dem EU-Referendum im vergangenen Juni der überwältigende Teil ihrer Labour-Kollegen im Unterhaus für einen Verbleib in der EU einsetzte, leitete Stuart die Vote-Leave-Kampagne. Seite an Seite mit Boris Johnson und Michael Gove warb sie für den EU-Austritt. Heute ist Stuart Vorsitzende von Change Britain, der Nachfolgeorganisation von Vote Leave. Die Gruppe will den Austritt aus dem Europäischen Binnenmarkt und aus der Zollunion, also einen harten Brexit.

Stuarts kleines Büro liegt in einem Nebenflügel des Parlamentsgebäudes. Akten und Papiere stapeln sich auf ihrem Schreibtisch, auf einem stumm gestellten Fernseher in der Ecke laufen Nachrichten. Hin und wieder durchbrechen die Glockenschläge von Big Ben das Surren der Belüftungsanlage.

Nein, sagt Stuart fast anteilslos, dem Austrittsprozess aus der EU, der vermutlich bald beginnt, sehe sie nicht mit Freude entgegen. Allerdings sei es für sie auch kein Grund, "traurig zu sein". Ihr Deutsch hat einen bayerischen und einen leicht englischen Einschlag. "Es ist ein juristischer Prozess, mit dem man dem Ergebnis der Volksbefragung vom 23. Juni eine rechtliche Grundlage gibt." Die Briten hätten eben für ihre "eigenen Gesetze, die Kontrolle über die Steuern und über die Handelsbeziehungen" gestimmt, erklärt Stuart, sie habe sich allein deswegen für einen EU-Austritt eingesetzt.

Von Bayern ins Vereinigte Königreich

1955 wurde Stuart im niederbayerischen Velden geboren, damals hieß sie Gisela Gschaider. Sie wurde Buchhändlerin und zog 1974 nach Großbritannien. In Manchester arbeitete sie im Universitätsbuchladen und besuchte Wirtschaftsseminare an der Hochschule, 1980 heiratete sie und bekam damit ihren britischen Nachnamen.

Als sie 1997 im Wahlkreis Birmingham-Edgbaston für Labour kandidierte, standen ihre Chancen denkbar schlecht: Der Sitz war seit fast 100 Jahren fest in der Hand der Tories. Nie hatte sich dort ein Labour-Kandidat durchgesetzt. Doch das schreckte Stuart nicht ab, sie nahm es als Herausforderung – und gewann. Stuart zog für Labour ins Unterhaus. 2010 erlitt Labour eine landesweite Schlappe, Stuart verteidigte sie ihren Sitz; 2015 ebenso.

Nicht immer war Stuart die entschlossene EU-Gegnerin, die sie heute ist. Vielmehr saß sie 2002 und 2003 als Gesandte des britischen Unterhauses beim Europäischen Konvent am Verhandlungstisch, als eine europäische Verfassung erarbeitet wurde. Doch was am Ende der mühevollen Verhandlungen herauskam, gefiel Stuart nicht. Das Dokument sei von einer "selbst gewählten Gruppe der europäischen Elite" geschrieben worden, schrieb sie später darüber, die "nationale Regierungen und nationale Parlamente als Hindernis" betrachte.

Das war der Punkt, an dem Stuart begann, sich für einen EU-Austritt Großbritanniens einzusetzen. Sie sei zu dem Schluss gekommen, dass die EU unaufhaltsam auf eine "tiefere Integration" zusteuere, erklärt Stuart heute. Dabei werde auf Mitgliedsländer, die diese Integration nicht wünschten, keine Rücksicht genommen. "Man war lediglich hin und wieder bereit, den Prozess zu verlangsamen, damit man der britischen Extrawurst Zeit gibt, damit sie auch zu diesem Endziel kommt." Mit anderen Worten: Stuart war sich sicher, dass die EU Großbritannien irgendwann vollkommen vereinnahmen würde. Das ließ sie zur EU-Gegnerin werden.

"Halten Sie die Wähler für so dumm?"

Dass es einen harten Brexit geben soll, wie ihn auch Stuarts Gruppe Change Britain unterstützt, hat die britische Premierministerin Theresa May kürzlich angekündigt. Der Bruch mit der EU soll also noch drastischer sein, als es viele Beobachter nach der Volksabstimmung erwartet hatten. Viele in Großbritannien sind damit nicht einverstanden. Das Hauptargument der Kritiker eines harten Brexit lautet: Die Wähler hätten zwar für einen Brexit gestimmt, nicht aber für einen völligen Bruch mit der EU.

Stuart kann dieses Argument nicht mehr hören: "Während unserer gesamten Kampagne hieß es: Die Personenfreizügigkeit hat zu enden!" Selbst die Anführer der Remain-Kampagne hätten ja immer wiederholt, dass Großbritannien bei einem Leave-Votum vermutlich aus dem Europäischen Binnenmarkt ausscheiden werde. "Die Personenfreizügigkeit ist ja die Grundbedingung, sowohl des Binnenmarkts als auch der Zollunion", sagt sie. In ihrer Logik war ein harter Brexit also schon immer vorgesehen. Jetzt aber sagten plötzlich alle, keiner habe davon gewusst. "Halten Sie die Wähler wirklich für so dumm, dass die das nicht gehört haben?", fragt sie rhetorisch.

Dass Stuart so empfindlich reagiert, wenn man sie mit Kritik konfrontiert, hat einen Grund: Seit dem Referendum hat sie eine Menge davon einstecken müssen. Viele haben gegenüber den Machern der Leave-Kampagne schwere Vorwürfe erhoben. Einer davon lautet, die Brexit-Befürworter seien für die Zunahme rassistischer Gewalt seit dem Referendum verantwortlich, zumindest zu einem Teil.

In den letzten Wochen vor der Abstimmung war es bei Leave in der Tat fast nur noch um das Thema Zuwanderung gegangen, und diese Strategie ging auf: Die Leave-Seite legte in Umfragen umgehend zu und setzte sich überraschend durch.

Stuart versucht abzuwiegeln. Es habe allenfalls "einen leichten Anstieg" von Hassverbrechen gegeben, sagt sie, auf diesen Vorwurf angesprochen. Im Gespräch legt sie nahe, vielleicht sei nur die Zahl der Anzeigen gegen solche Straftaten gestiegen. Und dann verheddert sie sich. Es sei ja nicht so, als ob das vorher nicht passiert wäre, erklärt sie. Im Moment würden die Leute eben verstärkt "anrufen" – offenbar meint sie bei der Polizei.  Beide Seiten müssten "ein bisschen vorsichtiger sein, über was sie reden". Die einen sagten, die erhöhte Zahl der gemeldeten rassistischen Vorfälle habe nichts mit dem Referendum zu tun, andere sprächen von einer Zunahme von 60 Prozent. Sie wünsche sich, dass alle Beteiligten "ein bisschen nuancierter" mit diesen Fragen umgingen.

Aber Zahlen hin oder her, es gehe ja darum, wie man auf rassistische Gewalt reagiere, sagt Stuart dann. Die britische Gesellschaft habe diese Taten doch – unabhängig davon, ob es Leave-Wähler oder Remainer waren – universell verurteilt. "Und das ist für mich das Wichtigste."