ZEIT ONLINE: Herr Qaiyah, wie ist derzeit die Lage in Sanaa?

Mahmoud Qaiyah: Es ist sehr dramatisch. Es fehlt an allem, an Lebensmitteln, Wasser, Medikamenten. Die Menschen bekommen seit Monaten kein Gehalt mehr, deshalb gibt es jeden Tag Streiks. Selbst an den wenigen Schulen, die noch arbeiten, wird gestreikt. Viele Krankenhäuser sind zerstört oder geschlossen. Das Schlimmste ist der Hunger. Millionen Jemeniten im Land hungern, auch in Sanaa betteln viele Menschen auf der Straße um Essen. Wenn nicht bald etwas passiert, wird es eine Katastrophe geben.

ZEIT ONLINE: Seit Anfang 2015 kämpfen schiitische Huthi-Rebellen gegen die Truppen von Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi. Seit März 2015 fliegt eine von Saudi-Arabien geführte Koalition Luftangriffe auf die Huthis. Wie massiv sind die Bombardierungen?

Qaiyah: In Sanaa gab es gerade erst einen Luftangriff auf eine Versammlung der Huthis, die gegen den Krieg protestierten. Den ganzen Tag lang kreisten Kampfflugzeuge über der Stadt, es sollte eine Warnung sein, nicht an den Protesten teilzunehmen. Im Moment ist es aber eigentlich ruhiger in der Innenstadt, da sich die Kampfhandlungen an den Stadtrand verlagert haben. Vorher hatten wir oft mehrere Luftschläge am Tag.

ZEIT ONLINE: Seit September 2014 kontrollieren die Huthis Sanaa. Wie ist das Leben unter den Rebellen?

Qaiyah: Es herrscht Chaos im Jemen, die staatlichen Strukturen haben sich weitgehend aufgelöst. In Sanaa sieht man überall Checkpoints, Soldaten und Milizen der Huthis, die auf allen Ebenen ihre Macht durchsetzen wollen. Wir können nicht mehr frei arbeiten. Alle Seminare, Workshops, Trainings müssen von den Rebellen genehmigt werden. Manchmal werden Seminare kurzfristig abgesagt, weil die Inhalte zu kritisch sind. Alle Medienhäuser wurden geschlossen, oppositionelle Seiten und Blogs gesperrt. Niemand kann mehr frei seine Meinung äußern.

ZEIT ONLINE: Tausende Menschen sind durch die Kämpfe bereits ums Leben gekommen. Einige Beobachter sagen sogar, dass Zivilisten gezielt angegriffen werden.

Qaiyah: Dutzende Schulen, Märkte und Krankenhäuser wurden zerstört. In Sanaa gibt es noch immer einen riesigen Krater an der Stelle, wo im vergangenen Oktober bei einem Luftschlag 140 Menschen getötet und 600 verletzt wurden. Die von Saudi-Arabien geführte Koalition hatte vorgeblich aus Versehen eine Leichenhalle bombardiert, weil sie annahm, dort sei ein Treffpunkt der Huthis. Hauptsächlich bombardieren sie militärische Einrichtungen. Doch oft befinden sich daneben Wohnhäuser oder zivile Einrichtungen. Immer wieder werden ganze Familien ausgelöscht. In der Altstadt von Sanaa, wo auch unser Büro liegt, gab es zwei Angriffe, bei denen auch Familien in ihren Wohnungen getötet wurden. Das heißt, die Kriegsparteien nehmen durchaus in Kauf, auch unschuldige Zivilisten zu treffen. Die zivilen Opfer nennen sie dann Kollateralschäden.

ZEIT ONLINE:
Laut der UN-Kinderhilfsorganisation Unicef gab es 212 Angriffe auf Schulen. Warum attackieren sie Schulen?

Qaiyah: Sie denken, dass in den Schulgebäuden militärische Ausbildung stattfindet. Das stimmt manchmal auch, denn die Huthis nutzen einige der leerstehenden Gebäude, um neue Soldaten zu rekrutieren und zu trainieren, oft auch Kinder. Sie haben da keine Altersgrenze, was die Kämpfer angeht.

ZEIT ONLINE: Der Krieg wird auf beiden Seiten immer härter geführt, einen Erfolg kann allerdings keine Partei für sich verbuchen.

Qaiyah: Das stimmt. Niemand hatte damit gerechnet, dass der Krieg so lange dauern würde. Nach 90.000 Luftschlägen auf den Jemen muss man sagen, dass das Land zwar zerstört ist, dabei aber keinerlei Fortschritt auf irgendeiner Seite gemacht wird. Es ist ja längst ein Stellvertreterkrieg: die Huthis als schiitisch geprägte und vom Iran unterstützte Miliz hat ihren Ursprung im Bürgerkrieg der neunziger Jahre. Sie fühlen sich schon lange von der sunnitischen Zentralregierung zurückgesetzt. Die sunnitischen Saudis wiederum führen Luftschläge gegen die Huthis und somit gegen den Iran. Die Jemeniten haben in diesem Krieg also gar nichts zu sagen. Klar ist: Die Saudis werden so lange gegen die Huthis kämpfen, bis sie gewonnen haben. Und die Huthis haben noch genug Waffen, Geld und Kämpfer, um weiterzumachen. Zudem gibt es genügend Warlords, die Interesse an dem Krieg haben. Das Leid der 25 Millionen Jemeniten kümmert keine Seite.

ZEIT ONLINE: Wie mächtig sind Terrororganisationen im Jemen?

Qaiyah: Mittlerweile sind sie ziemlich mächtig. Durch das Chaos hat sich der Staat weitgehend aufgelöst. Das dadurch entstandene Macht- und Sicherheitsvakuum nutzen bewaffnete Stämme und Terrororganisationen wie Al-Kaida und der "Islamische Staat" (IS) aus, um ihren Einfluss auszuweiten. Sie haben überall ihre Zellen und wachsen immer weiter. Es gibt keine Regierung, niemanden, der sie zur Verantwortung ziehen kann. Zudem haben sich Dutzende militante Splittergruppen gebildet, denn jeder kommt hier an Waffen. Das ist ein enormes Problem, auch für unsere Zukunft. Selbst wenn der Krieg irgendwann vorbei ist, wird es Jahrzehnte dauern, um die verschiedenen Gruppen auszusöhnen und die Gesellschaft wieder halbwegs zu einen.

ZEIT ONLINE:
Inwieweit geht es dabei um einen Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten?

Qaiyah: Die religiösen Unterschiede spielen in diesem Krieg bisher kaum eine Rolle. Hier beten Sunniten und Schiiten noch immer nebeneinander in denselben Moscheen. Es geht vor allem um Macht. Die Zivilisten sind zum bloßen Spielball unterschiedlicher Interessen geworden.

Der vergessene Krieg

ZEIT ONLINE: Die Welt schaut auf Syrien und den Irak, nicht aber auf den Jemen. Dabei ist das Ausmaß der humanitären Notlage im Jemen womöglich noch größer. Wie erklären Sie sich das?

Qaiyah: Die Antwort ist einfach: Der Jemen-Krieg hat keinerlei Folgen für den Westen. Und die Weltgemeinschaft interessiert sich vor allem dann für Konflikte, wenn dadurch eigene Interessen berührt werden. In Syrien wurden über Jahre Menschen getötet und vertrieben. Doch erst als die Flüchtlinge plötzlich zu Tausenden in Europa ankamen, begann man sich dort für den Krieg in Syrien zu interessieren. Das gleiche gilt für den Irak. Erst als man verstand, was es für den Westen bedeutet, wenn der IS Mossul besetzt, rückten die dortigen Machtverhältnisse und Konflikte in den Fokus der europäischen Öffentlichkeit. Anders als in Syrien und im Irak spielen die Zustände im Jemen für den Westen keine Rolle. Und reine Menschlichkeit ist offenbar kein ausreichender Grund, auch wenn hier jeden Tag Kriegsverbrechen stattfinden. Hinzu kommt, dass Journalisten derzeit keine Möglichkeit haben, aus dem Jemen zu berichten. Es dringen kaum Informationen nach draußen. Jeden Tag sterben hier Menschen, aber kaum jemanden kümmert es.

ZEIT ONLINE: Auch über die Rolle des Westens im Jemen-Krieg wird kaum gesprochen. Dabei unterstützen die USA und Großbritannien die Offensive der Saudis. Und die Bundesregierung, die zwar die Kriegsverbrechen und die humanitäre Not im Jemen anmahnt, verkauft weiterhin Waffen an Saudi-Arabien. 

Qaiyah: Das ist ein großes Thema im Jemen, auch die Waffenverkäufe der Deutschen an Saudi-Arabien. Die USA unterstützen die Saudis logistisch und militärisch, ebenso Großbritannien, obwohl Dutzende Organisationen auf die verheerenden Folgen des Einsatzes dieser Waffen verweisen. Der neue US-Präsident Donald Trump wird den Jemen voraussichtlich als sein erstes Schlachtfeld im Kampf gegen den Iran nutzen. Das ist gefährlich: Wenn sich die USA noch stärker im Jemen-Krieg engagieren, wird das die Lage noch zusätzlich komplizieren. Für uns Jemeniten ist das alles wie ein schlechter Witz: Dieselben Regierungen, die Waffen an Kriegsparteien wie Saudi-Arabien verkaufen, die diese dann für ihre zerstörerischen Handlungen nutzen, überweisen Geld an Hilfsorganisationen, die den Kriegsopfern helfen sollen. Das ist doch absurd.

ZEIT ONLINE: Wie sollte sich Ihrer Meinung nach Deutschland im Jemen-Krieg verhalten?

Qaiyah: Die Jemeniten respektieren die Deutschen sehr, da sich Deutschland seit mehr als 60 Jahren im Jemen engagiert, im Bereich von Entwicklungszusammenarbeit und Gesundheit etwa oder bei der Wasserversorgung. Deswegen gibt es bisher noch keine öffentliche Kritik an deren Rolle im Jemen-Krieg. Doch es wäre wichtig, die Deutschen mehr in die Verantwortung zu nehmen. Da sie von beiden Kriegsparteien respektiert werden, könnten sie bei der Ausarbeitung einer Friedenslösung für den Jemen eine wichtige Rolle spielen. Die Deutschen sollten hier eine stärkere Vermittlerrolle einnehmen.