Am 23. Januar dieses Jahres, als die niederländische Gesellschaft kollektiv in den Wahlkampfmodus schaltete und lange bevor der Streit mit dem Nato-Verbündeten Türkei über unerwünschte und ausgewiesene türkische Minister eskaliert ist, schrieb Mark Rutte einen Brief. Er wandte sich in seinen persönlichen Zeilen an all seine Mitbürger. Und damit auch alle seinen Brief lasen, kaufte er eine ganze Seite in den größten Zeitungen des Landes. Die wichtigste Aussage seines Textes war eine Aufforderung: Die Niederländer sollten sich normal verhalten – oder das Land verlassen. Neben dem offenen Brief erschien ein fast lebensgroßes Foto des amtierenden Ministerpräsidenten, der die Leser ernst anblickte.

Wahlstrategisch gesehen war dieser persönliche Brief ein smarter Schachzug. Viele Niederländer verbinden das Wort normal mit ihrer nationalen Identität. Und klar, normal ist, wenn sich alle Bürger an Standards und Regeln halten.

In wenigen Absätzen erklärte Rutte dann auch, was er für normal hält. Er erwähnte unter anderem, das es normal sei, sich bei einem Treffen die Hände zu schütteln. Normal sei es auch, sich an Verkehrsregeln zu halten und Lehrer zu respektieren. Frauen hinterherzupfeifen oder zusammen abzuhängen und normale Leute als Rassisten zu bezeichnen gehört, wenn es nach dem Ministerpräsidenten geht, allerdings nicht mehr zum niederländischen Normal. Wer so etwas tut oder sich anderweitig unnormal verhält, sollte sich überlegen, so Rutte, ob er wirklich in den Niederlanden bleiben möchte.

Ruttes Brief an die Niederländer

Wenn es ein öffentliches Statement gibt, das die Stimmung in den Niederlanden kurz vor der Parlamentswahl am 15. März zusammenfasst, dann ist es dieser persönliche Brief. Viel mehr als Geert Wilders scharfe Antieinwanderer- und Antiislamrhetorik ("Verhalte dich normal oder verzieh dich") haben die Normal-Definitionen des Ministerpräsidenten die Debatten in der Vorwahlzeit bestimmt. Die in seinem Brief und vielen TV-Interviews verkündete Botschaft hat etwas Wichtiges zum neuen Normal werden lassen: das betonte Festhalten an bestimmten Elementen der eigenen Kultur gegen die angebliche Bedrohung durch eine fremde Kultur. In der Soziologie nennt man das Nativismus. Rutte hat genau diesen erfolgreich verbreitet.

Das ist ihm vor allem dadurch gelungen, dass er Dinge in seinem Brief nicht sagt, aber zwischen den Zeilen suggeriert. Denn Ruttes Botschaft richtet sich direkt an jene Bürger, die neben ihrer Heimat in den Niederlanden noch einen Ort haben, zu dem sie gehen könnten – dort, wo sie, ihre Eltern oder Großeltern geboren wurden. Rutte adressierte seinen Brief nicht direkt an diese Menschen. Klar wurde diese Zielsetzung dennoch. In den USA bezeichnet man diese Art der Beeinflussung der Bevölkerung als dog-whistle politics, als Hundepfeifen-Politik: Wörter, die eine versteckte Botschaft transportieren, weil sie nur wahrnehmbar für jene sind, die erreicht werden sollen.

Mit dieser Politik teilt der Ministerpräsident sein Land in zwei Lager: Alle, die niederländische Normen missachten, werden moralisch dafür bestraft und, falls ein Gesetzesbruch vorliegt, verurteilt. Und alle, die niederländische Normen missachten und Verbindungen ins Ausland haben, bekommen die gleiche Bestrafung – plus die Ansage vom Ministerpräsidenten, dass sie nicht mehr hierher gehören.

Dahinter verbirgt sich eine starke Ungleichbehandlung. Angesichts allgemeingültiger Normen müssten alle Bürger gleich behandelt werden. Also müsste sich der Wunsch nach Ausreise prinzipiell an alle Bürger der Niederlande in gleichem Maße richten. Durch die Hundepfeifen-Methode tut Rutte aber genau das nicht.

Die Angst vor dem vermeintlich Fremden

Übrigens ist keine der Verhaltensweisen, die Rutte in seinem Brief erwähnt, besonders niederländisch. Es sind einfach grundsätzliche Umgangsformen. Erst durch die Betonung, es seien nationale Charakteristika, beschwört Rutte die Angst vor einem undefinierten Fremden, das das niederländische Normal angeblich gefährdet.

Dieser Vorgang markiert einen großen Wandel in der niederländischen Gesellschaft. Es ist gar nicht lange her, da genoss dieses Land den Ruf, gesellschaftlich weltweit am fortschrittlichsten zu sein. Dieses Bild entstand vor allem in den neunziger Jahren, als die Säkularisierung am weitesten verbreitet und persönliche Freiheit scheinbar oberste Priorität war. Genau in dieser Situation begann Mark Rutte seine Karriere.