Ein Kontinent gebeutelt von Hunger, Krieg, korrupten Eliten und einer zunehmenden Überbevölkerung treibe heute Tausende, morgen vielleicht schon Millionen zur Flucht nach Europa – dieses Afrikabild bemühte Theo Sommer in seiner jüngsten Fünf-vor-acht-Kolumne auf ZEIT ONLINE. Um sich die Migranten "vom Leib zu halten", könnte sich Deutschland – so seine Befürchtung – zu radikalen Maßnahmen gezwungen sehen, bis hin zur militärischen Kontrolle afrikanischer Küstenstreifen durch deutsche Soldaten. So perpetuiert Sommer das in den Medien vorherrschende Afrikabild und trägt damit zur Informationsverzerrung bei. Denn die tatsächliche Faktenlage rechtfertigt weder diesen Afro-Pessimismus noch irgendwelche militärischen Abenteuer.

Wie die aktuellen Hungersnöte in Nigeria, Somalia und im Südsudan zeigen, bleiben zwar große Probleme zu bewältigen, aber es gibt auch hoffnungsvolle Entwicklungen. Die extreme Armut ist in Subsahara-Afrika wie in anderen Erdteilen im letzten Vierteljahrhundert stark zurückgegangen. Lebten hier 1990 nach Angaben der Vereinten Nationen noch 57 Prozent der Bevölkerung von weniger als 1,25 US-Dollar am Tag, waren es 2015 nur noch 41 Prozent. Auch wenn dies immer noch ein hoher Anteil ist, so hat sich doch die Lebenssituation von zig Millionen Menschen stark gebessert. Im gleichen Zeitraum ist auch der Anteil unterernährter Menschen von einem Drittel auf unter ein Viertel der Gesamtpopulation gesunken, und das mittlere Wirtschaftswachstum in Afrika südlich der Sahara lag immerhin bei etwa 3,5 Prozent. Ähnlich positive Entwicklungen sind auf unserem südlichen Nachbarkontinent auch für den Gesundheits- oder den Bildungsbereich zu verzeichnen. 

Afrika ist seit den 1990er Jahren friedlicher und demokratischer geworden. Das immer noch weitverbreitete Bild des afrikanischen Staates als Bananenrepublik, in dem ein Staatsstreich oder Bürgerkrieg dem anderen folgt, muss daher dringend revidiert werden. In 31 von 55 Ländern wird nach demokratischen Standards gewählt, zehn davon gelten als Demokratien, in denen Bürgerinnen und Bürger ihre politischen Rechte wahrnehmen können. Auch erfolgreiche Militärputsche haben seit den neunziger Jahren abgenommen. Wenn, dann bleibt es meistens beim Putschversuch. Geschehen sie doch, wie etwa 2012 in Mali, schreiten afrikanische Regionalorganisationen wie die Afrikanische Union oder die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft ein, basierend auf weitreichenden regionalen Demokratienormen wie der Afrikanischen Demokratie-Charta. Fragwürdige Bestrebungen von Präsidenten, ihre verfassungsgemäße Amtszeit um ein Mandat zu verlängern, akzeptieren viele Bevölkerungen wie im Senegal oder Malawi nicht mehr.

Fragwürdige "Völkerwanderung"

Freilich braucht es Zeit, bis Demokratie ihre Wurzeln schlägt, und mit militärischem Druck ist sie nicht zu erreichen. Dies muss in außenpolitischen Strategien berücksichtigt werden. Selbst in den europäischen und amerikanischen Wiegen der Demokratie lernen wir ja derzeit, dass auch sicher geglaubte politische Errungenschaften ins Wanken geraten können.

Auch der im Zusammenhang mit der Migrationssituation im Mittelmeer gebrauchte Begriff der Völkerwanderung ist fragwürdig und unangemessen. Die Anzahl der Staatsbürger afrikanischer Länder südlich der Sahara, die in den acht Jahren zwischen 2008 und 2015 Erstanträge auf Asyl in der EU gestellt haben, entspricht gerade einmal einem Anteil von 0,15 Prozent der EU-Gesamtbevölkerung. Und auch für die nahe bis mittlere Zukunft ist nicht damit zu rechnen, dass sich ein Großteil des afrikanischen Kontinents auf den Weg Richtung Europa machen wird. Neben anderen Gründen fehlen den allermeisten Afrikanern für einen solchen Migrationsprozess schlichtweg die notwendigen Ressourcen.

Gewiss, angesichts der existierenden strukturellen Probleme Afrikas gibt es keinen Anlass für ausgelassene Euphorie. Und ja, diese Probleme erzeugen für viele Menschen Situationen von Perspektivlosigkeit und veranlassen einige dazu, die gefährliche Reise durch die Sahara und das Mittelmeer anzutreten. Antworten auf diese Herausforderungen sollten aber in allererster Linie in einer Verstärkung der genannten positiven Entwicklungen gesucht werden. Dies erfordert eine Außen-, Entwicklungs- und Sicherheitspolitik, die eng mit anderen Politikfeldern wie Handels- oder auch Einwanderungspolitik verzahnt ist. Dabei kann es nicht nur um eine weitere Diversifizierung der afrikanischen Volkswirtschaften oder weitere Verbesserungen im Gesundheits- und Bildungsbereich gehen: Gerade vor strukturellen Staatsreformen, die eine Förderung von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Korruptionsbekämpfung und Good Governance zum Ziel haben, sollte nicht zurückgescheut werden. 

Ein militärisches Engagement Deutschlands in afrikanischen Bürgerkriegsregionen zwecks sogennanter Migrantenabwehr stellt also sicherlich keinen konstruktiven Beitrag zur Lösung der afrikanischen Entwicklungsherausforderung dar. Die von Theo Sommer genannten alten Generalstabskarten von Wüstenfuchs Rommel und seinem Afrikakorps sollten wir also getrost in der Mottenkiste der Weltgeschichte belassen. Visionen für Afrikas Zukunft können nicht am Reißbrett in Europa entstehen – innovative Ideen kommen von einer jungen Generation von Afrikanern und Afrikanerinnen. Es fehlt nur noch, ihnen auf der Weltbühne eine Plattform für ihre Ideen zu bieten.