Für den deutschen Chefdiplomaten ist dieser Satz schon sehr deutlich: "Das Militärpotenzial, das die Russische Föderation hier aufbaut, ist völlig irrational, weil von den baltischen Staaten hier null Bedrohung ausgeht." Der deutsche Außenminister steht in der Iron-Wolf-Kaserne im litauischen Rukla und erklärt, warum Soldaten der Bundeswehr an diesen Ort geschickt wurden. Die Rede ist vom massiven russischen Truppenaufbau jenseits der Grenze.

Man reibt sich kurz Augen und Ohren. Da spricht Sigmar Gabriel, Noch-SPD-Chef und Lordsiegelbewahrer der Ostpolitik, Ex-Wirtschaftsminister, der sich für die zweite Ostseepipeline mit Gazprom starkgemacht hat. 

Auf einer seiner ersten Auslandsreisen als Außenminister besucht er nun die drei baltischen Staaten und die Ukraine. Drei Nato-Staaten und ein Land, das im Ringen um seine Westwendung zerstückelt wurde. Und die ganze Zeit geht es um den großen Nachbarn, der nicht auf der Reiseroute liegt: Russland. Sigmar Gabriel versucht, zwischen Moskau und den Balten eine Haltung zu finden. Und erfindet dabei einen neuen Gabriel.

420 deutsche Soldaten in Litauen

In der Iron-Wolf-Kaserne in Rukla steht der Außenminister vor dem Gefechtsstand der Bundeswehr. Der Sandboden vor den grünen Zelten ist mit Sandsäcken gesäumt und mit Kokosmatten ausgelegt. Ministerbesuch. Neben Gabriel kommt heute auch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen vorbei. Das Bataillon ist Teil der Enhanced Forward Presence ("Verstärkte Vorwärtspräsenz") der Nato in den baltischen Staaten. Diese beschloss das Bündnis als Antwort auf die russischen Drohungen und Truppenmassierung in der Region. Jeweils bis zu 1.000 Nato-Soldaten werden in Polen, Litauen, Lettland und Estland stationiert. Deutschland hat 420 Soldaten nach Litauen geschickt und die Führung des multinationalen Bataillons übernommen. Mit dabei: belgische, niederländische und norwegische Soldaten.

In einem großen Zelt unter großen Flaggen der Teilnehmerstaaten begrüßt Sigmar Gabriel die Offiziere des Bataillons auf Englisch und unternimmt einen kleinen Ausflug in seine Biografie. Er selbst sei von 1979 bis 1981 Zeitsoldat gewesen. Wenn er ehrlich sei, hätte er damals nie gedacht, dass es je zu einem Einsatz kommen könnte. "Deshalb habe ich größten Respekt vor dem, was Sie hier machen", sagt er. Die Soldaten, der Minister, der Dienst – das teilen sie. Das Autobiografische zieht sich durch seine Ansprachen in Litauen, wie schon zuvor in Estland und Lettland. "Ich bin an der Zonengrenze aufgewachsen", sagt Gabriel. "Wir hatten nie das Gefühl, dass wir wirklich in einen Konflikt mit dem Warschauer Pakt geraten könnten." Man habe das "Grundvertrauen" gehabt, der Schutz der Nato verhindere, "dass andere auf dumme Gedanken kommen". Und deshalb böten die Nato und die Deutschen eben auch hier Schutz. Diese Botschaft verstehen die Litauer.