Am Ende musste sich der große Dealmaker trotz aller Drohgebärden geschlagen geben. Nur Minuten vor der geplanten Abstimmung über ein neues Gesundheitsgesetz brach die Nachricht vom republikanischen Worst Case über die Hauptstadt herein: Trotz tagelanger Verhandlungen hinter verschlossenen Türen, trotz eines Ultimatums des Präsidenten und trotz Nachbesserungen am Gesetzestext im sprichwörtlich letzten Moment hatten Donald Trump und die Parteiführung die nötigen Stimmen im Repräsentantenhaus nicht zusammenbekommen.

Um sich eine schmerzhafte öffentliche Niederlage auf großer Bühne zu ersparen, sagte Mehrheitssprecher Paul Ryan die geplante Abstimmung kurzerhand ab. Eine Niederlage bleibt es trotzdem. Seit Jahren hatten die Republikaner auf die Abschaffung von Obamas Gesundheitsreform hingearbeitet, kein anderes Thema bestimmte ihre Oppositionsarbeit so sehr wie der Streit um den Affordable Care Act. Zu viele Eingriffe aus Washington, zu hohe Kosten für Versicherer und Patienten – die Republikaner reduzierten ihre politische Botschaft auf wenige Schlagwörter, auch Donald Trump ritt auf dieser Welle bis ins Weiße Haus.

Doch dass Regieren komplizierter ist als opponieren und dass Wahlversprechen noch kein Gesetz ausmachen, mussten die Konservativen in den vergangenen Tagen schmerzhaft erfahren. Selbst Paul Ryan gestand am Freitag in einer ersten Pressekonferenz "Wachstumsschmerzen" ein.

Republikaner in einer Identitätskrise

Dass Donald Trump sich bald erneut auf das politische Tauziehen um ein Gegengesetz zu Obamas Gesundheitsreform einlassen wird, gilt als unwahrscheinlich. Für ihn war dieser Kampf von Anfang an nicht das Wichtigste, zumal sein eigenes Wahlversprechen, allen Amerikanern eine Krankenversicherung zu niedrigeren Kosten zu verschaffen, weder mit der wirtschaftlichen Realität noch mit der Ideologie seiner Partei vereinbar ist.

Erst die Charmeoffensive der republikanischen Führung, die dem Präsidenten eine Gesundheitsreform als schnellen politischen Erfolg verkauft hatte, überzeugte Donald Trump, das Gesetz vorzuziehen. Für die Details der Reform interessierte sich der Präsident allerdings genauso wenig wie für den mühsamen legislativen Prozess in Washington. Trump habe sich von dem Sumpf, den er habe austrocknen wollen, aufsaugen lassen, schrieb das politische Onlinemagazin Vox.com am Freitag.

Tiefe ideologische Gräben bei den Republikanern

Der Präsident will nun die empfindliche Niederlage schnell hinter sich lassen. Er kündigte an, Obamacare vorläufig zur Seite zu legen und sich dafür auf andere große Vorhaben zu konzentrieren, wie eine Steuerreform oder das geplante Infrastrukturpaket. Doch der frühe politische Rückschlag hat Trumps Kernanliegen ausgebremst. Nicht nur, weil etwa eine umfassende Steuerreform zum Teil eng an die geplanten Änderungen im Gesundheitssystem geknüpft war. Auch aus politischen Gründen sehen Beobachter die Agenda des frisch gewählten Präsidenten grundsätzlich in Gefahr.

Die gescheiterte Gesundheitsreform offenbare nicht nur die tiefen ideologischen Gräben innerhalb der Partei, sie kratze auch am mühsam aufgebauten Image des Präsidenten als erfolgreicher Macher, der am Ende einer noch so zähen Verhandlung immer einen Sieg verbuche. "Die Republikaner stecken in einer Identitätskrise", befand die New York Times am Freitagabend.