Es war der Versuch eines Neustarts. Nachdem die ersten 39 Tage von Donald Trumps Präsidentschaft von Chaos und Kontroverse geprägt waren, wandte sich der Präsident am späten Dienstagabend erstmals direkt an den US-Kongress.

Anders als in seiner Ansprache zur Amtseinführung im Januar, in der er ein düsteres Bild vom Zustand des Landes entwarf und gar von einem "Abschlachten Amerikas" sprach, mühte er sich nun um eine positive Vision. Von "Wundern" war die Rede und von einer "Erneuerung des amerikanischen Geistes". Trump sparte sich seine sonst üblichen Tiraden und Attacken. Stattdessen appellierte er an die Opposition der Demokraten, mit ihm zusammenzuarbeiten. Es sei an der Zeit, "groß zu denken", erklärte er. Die US-Medien lobten hinterher, Trump sei erstmals wie ein Präsident aufgetreten.

Doch auch wenn Trumps Ton zahmer war als bisher, wiederholte er seine großen Versprechungen, die er seinen Anhängern im Wahlkampf gemacht hatte. Die Mauer nach Mexiko solle schon "bald" gebaut und Jobs für Amerikaner geschaffen werden. Eine Billion Dollar werde er ausgeben, um die zerfallende Infrastruktur des Landes wiederherzustellen.

In Bezug auf seine umstrittene Einwanderungspolitik hatte Trump in einem Interview vor der Rede angedeutet, er sei bereit, Kompromisse einzugehen, um eine umfassende Einwanderungsreform zu verabschieden. Ein Ziel, das weder George W. Bush noch Barack Obama während ihrer Präsidentschaften erreicht hatten. Doch in der Rede betonte Trump stattdessen seine harte Linie in Sachen Immigration. Er hatte die Angehörigen von Opfern eingeladen, die von illegalen Immigranten umgebracht worden waren, und versprach, bei der Heimatschutzbehörde eine Sonderabteilung zur Bekämpfung der Verbrechen von illegalen Einwanderern einzurichten.

"Größter Monat des Jahrzehnts" für Republikaner?

Die Rede war nationalistisch und protektionistisch. Trump gab die Devise aus buy American, hire American – die Unternehmen sollen amerikanische Produkte einkaufen und amerikanische Arbeiter einstellen. Zwar bekannte sich Trump in der Rede zur Nato und versprach das Terrorregime des sogenannten "Islamischen Staates" zu bekämpfen. Darauf beschränkten sich allerdings seine Aussagen zur Außenpolitik.

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Die Militärausgaben will Trump kräftig aufstocken. Gleichzeitig will er die Steuern für Unternehmen und die Mittelschicht deutlich senken. Wie er all das bezahlen will, ließ er zumindest in der Rede im Dunkeln. Er werde einen entsprechenden Haushaltsentwurf an den Kongress schicken, kündigte er an. 

Damit stellt Trump seine Parteifreunde vor ein Problem. Denn zwar sitzt mit Donald Trump offiziell ein Republikaner im Oval Office. Und zum ersten Mal seit 2006 kontrollieren die Konservativen nicht nur das Weiße Haus, sondern auch beide Kammern im Kongress. Die Machtkonzentration gibt ihnen die Gelegenheit, umfassende Gesetze durchzudrücken und die Politik im Land damit innerhalb weniger Monate grundlegend zu verändern. Der März, schrieb der konservative Politikblog The Hill in dieser Woche, könnte für die Republikaner "der größte Monat des Jahrzehnts" werden.

Doch der neue Präsident liegt mit vielen seiner Ansichten nicht auf der Linie der Mehrheit der Partei. Während die Konservativen im Kongress vor allem für einen schmaleren Staat und eine Senkung der Ausgaben plädieren, geht es für den Dealmaker Trump in erster Linie darum, möglichst schnell und möglichst öffentlichkeitswirksam die eigenen Wahlversprechen umzusetzen – koste es, was es wolle.