Die Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen: Auf Brexit und Trump könnte Marine Le Pen folgen. Niemand kann behaupten, die französische Rechtsextremistin habe als Umfragen-Führerin in Frankreich keine Chance, die Wahlen zu gewinnen. Schon vor den Präsidentschaftswahlen in den USA und dem EU-Referendum in Großbritannien hat man sich vertan. Also ist jetzt auch in Frankreich mit dem Schlimmsten zu rechnen.

Wie gebannt schauen viele Deutsche deshalb auf ihr wichtigstes Nachbarland. Ob Merkel oder Schulz im Herbst die Bundestagswahl gewinnt, wirkt fast nebensächlich angesichts der Frage, ob in Paris in Zukunft die Rechtsextremisten des Front National (FN) regieren oder nicht. Sie könnten Europa mit ihren Ausstiegsplänen aus EU und Euro kaputt machen. Berlin wäre machtlos, der Brexit ein Randergebnis, Trump plötzlich weit weg, wenn Frankreich seine Freundschaft mit Deutschland bricht.

Die deutschen Sorgen erscheinen also berechtigt. Aber sind sie es wirklich?

Vier Männer und Marine Le Pen machen sich 25 Tage vor dem ersten Wahlgang Hoffnungen. Klarer Favorit ist inzwischen der parteiunabhängige Kandidat Emmanuel Macron. Der ehemalige Wirtschaftsminister steht für liberale Wirtschaftsreformen und linke Gesellschaftspolitik. Er ist jung, gutaussehend und elitär. Mit 39 Jahren aber Berufsanfänger. Werden ihm die Franzosen vertrauen? Oder sich angewidert von Skandalen des eigentlichen Wahlfavoriten der konservativen Partei, François Fillon, von der Politik abwenden und für die Systemkritikerin Le Pen stimmen? Das ist die Schlüsselfrage für die bevorstehenden Wahlen. In der nun anbrechenden, entscheidenden Phase des Wahlkampfes werden deshalb alle auf den Neuling Macron schauen.

Dabei spielt es aus deutscher Sicht eine eher geringere Rolle, ob Macron doch wieder von seinem konservativen Rivalen Fillon eingeholt wird. Oder ob der Kandidat der Sozialistischen Partei, Benoît Hamon, bisher eher linker Außenseiter, doch noch ins Rennen findet. Macron, Fillon, Hamon – alle drei sind zuverlässige EU-Europäer. Wichtig ist für Deutschland vor allem, ob Le Pen von dieser nie dagewesenen Situation profitiert. Nie zuvor lagen die Kandidaten der etablierten Rechts- und Links-Parteien so weit in den Umfragen zurück.

Das kann tatsächlich Angst vor unseren Nachbarn machen! Wie zuverlässig sind unsere französischen Partner noch? Kann die Fünfte Republik ihre Farben wechseln: braun statt blau?

So verständlich diese Frage angesichts der politischen Aktualität im Wahlkampf ist, so abwegig ist sie. Denn man muss die französischen Zustände nicht dunkler malen, als sie sind. Ja, die Rechtsextremisten werden bei den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen ihr historisch bestes Ergebnis einfahren. Doch mehr nicht. Le Pen hat in diesem Jahr keine realistischen Chancen, die Macht in Frankreich zu erobern.

Frankreich - Macron gegen Le Pen Die aussichtsreichsten Kandidaten im französischen Wahlkampf könnten kaum unterschiedlicher sein. Ein Überblick der Themen, mit denen Marine Le Pen und Emmanuel Macron Wahlkampf machen © Foto: Joel Saget / Getty Images, Lemaistre / Shutterstock

Frankreich bleibt unser Partner

Es ist deshalb an der Zeit, hierzulande eine Selbstverständlichkeit erneut laut zu sagen: Frankreich bleibt unser wichtigster und sicherster Partner in der EU. Frankreich ist trotz Le Pen kein unsicherer Kantonist an unserer Seite. Sondern die Kraft, auf die die Deutschen in Europa bauen können.

Dafür sprechen nicht nur alle Umfragen und Wahlergebnisse der letzten Jahre, die Le Pen nie eine eigene Mehrheit gaben. Dafür spricht vor allem die gesellschaftliche Homogenität und Stabilität Frankreichs.

Drei Beispiele:  

73 Prozent aller jungen Franzosen eines Jahrgangs machen ihr Abitur, eine Basis für ihr späteres Berufsleben. Das vergisst man im Zuge der vielen Diskussionen über die hohe französische Jugendarbeitslosigkeit oft. Seit Jahren liegt die über 20 Prozent und hat viele Jungwähler zum FN getrieben. Die große Mehrheit der jungen Franzosen aber schließt die Schule immer noch erfolgreich ab und identifiziert sich mit dem eigenen Schulsystem.

65 Prozent aller Franzosen haben ihren Lebensmittelpunkt in einer Eigentumswohnung, die ihnen selbst gehört. Wer nur die grotesken Pariser Wohnverhältnisse kennt, käme nicht darauf. Doch es gibt trotz allem Streit über die Verteilung der staatlichen Sozialwohnungen, wo Le Pen im Wahlkampf stets Ausländer bevorzugt sieht, eine breite, durch Tradition und Erbrecht abgesicherte Wohngerechtigkeit in Frankreich.

Von insgesamt 26 Millionen Angestellten in Frankreich verfügen 59 Prozent über einen unbefristeten Vertrag im Privatsektor und 16 Prozent über einen unbefristeten Vertrag im öffentlichen Dienst. Nur ein Viertel hat befristete oder Zeitverträge. Darüber klagen zwar in Frankreich viele Arbeitsrechtler, die in einem extrem starken Kündigungsschutz die Ursache für fehlende Mobilität und die relativ hohe Arbeitslosigkeit von rund 10 Prozent erkennen. Doch hier zeigt sich auch, dass drei Viertel der Franzosen die Arbeitslosigkeit kaum fürchten müssen. 

Drei Beispiele, die belegen, dass für die Mehrheit der Franzosen nicht alles im Argen liegt, auch wenn Umfragen Frankreich regelmäßig als pessimistische Nation in Europa ausweisen. Das aber war in Deutschland zum Jahrhundertbeginn nicht anders. Mit den Schröder-Reformen wendete sich das Selbstbild der Deutschen dann wieder. Vieles spricht dafür, dass die Franzosen ähnlich reagieren würden, wenn auch in ihrem Land die Politik endlich spürbare Reformen durchsetzen könnte.

Viele wählen Le Pen, ja. Aber nicht die Mehrheit

Das gelang ihr bislang nicht. Deshalb ist die Enttäuschung über die Politik in Frankreich groß. Deshalb tendiert inzwischen ein Drittel der französischen Wähler zu Le Pen. Aber eben nicht eine Mehrheit, die vom aktuellen System nach wie vor stark profitiert.

Das muss in Zukunft nicht so bleiben. Das Gefühl einer Abwärtsspirale kann sich verstärken, die bislang konforme Wähler zu Systemgegnern macht und zu Le Pen treibt.

Doch so weit ist es noch nicht.

Im Wahljahr 2017 ist Frankreich aufgrund der Abwertung des Pfunds nach dem Brexit wieder fünfstärkste Volkswirtschaft der Welt. Die Wachstumsaussichten liegen bei 1,5 Prozent in diesem Jahr höher als in den letzten Jahren. Die Arbeitslosigkeit bei 9,6 Prozent hat den zweistelligen Bereich verlassen. Die Privathaushalte sind investitionsfreudiger als je zuvor in den letzten acht Jahren.

Alles zusammen macht: Le Pen ist nicht Frankreich. Weit davon entfernt. Mitten in der heißen Wahlkampfphase besucht ZEIT ONLINE deshalb in den nächsten Wochen vier symbolische Orte der französischen Gesellschaft: ein Kleinstadtgymnasium, ein arabisches Pariser Vorstadtcafé, ein Provinz-Bauerndorf und eine Peugeot-Autofabrik. Wir spüren nach, wie die Franzosen wirklich über ihre Politik denken. Warum ihre Republik blau bleibt. Und warum sie uns deshalb immer noch so nahe in ihrem Zeitempfinden sind wie keine andere große Nation.