Marine Le Pen ist angetreten, um das "Völkergefängnis" Europäische Union zu zerstören, Emmanuel Macron hat einen ausgesprochen proeuropäischen Wahlkampf geführt. Die Franzosen können sich am 7. Mai nun für oder gegen Europa entscheiden. Ein Dazwischen gibt es nicht. 

Es geht ums Ganze und das ist gefährlich. Aber es wäre falsch, das jetzt zu beklagen.

Wie oft haben wir in den vergangenen Jahren gehört, dass Bürger in der Demokratie keine klaren Alternativen zur Auswahl hätten? Wie oft ist gesagt worden, Politik in den Demokratien sei ein ununterscheidbarer Brei? Damit ist es vorbei.

Zur Disposition steht das Projekt, das dem europäischen Kontinent die längste Friedenszeit in seiner Geschichte beschert hat.

Zur Wahl steht aber auch eine Europäische Union, die bei vielen Bürgern Vertrauen verloren hat. Allzu lange hat man sich in Brüssel im Glauben gewiegt, die Geschichte sei auf der Seite der EU. Wer die EU kritisierte, wurde nicht selten der Lächerlichkeit preisgegeben, schlimmer noch, er wurde als Nationalist gebrandmarkt. Wobei Nationalismus gleichgestellt wurde mit Kriegstreiberei. EU-Befürworter pflegten oft ein manichäisches Weltbild.

Möglich, dass dieses Entweder-Oder zutrifft, aber immer weniger Menschen glaubten es. Immer mehr Menschen sahen hinter der Kulisse des europäischen Pathos Dinge, die nicht oder schlecht funktionierten. Sei es der Euro, sei es die soziale Ungleichheit, sei es die Unfähigkeit, die eigenen Grenzen zu schützen.

Spätestens seit dem Brexit wissen wir, dass viele Menschen durchaus Alternativen zur EU sehen. Sie sind bereit, das Risiko auf sich zu nehmen, die EU zu verlassen. Die Alternativen mögen hässlich sein, aber es gibt sie. Sie haben auch in Frankreich Zulauf.

Ein Flächenbrand

Man muss es klar sehen: 40 Prozent der Franzosen haben sich beim ersten Wahlgang zur Präsidentenwahl gegen die EU entschieden. Rund 22 Prozent haben für Le Pen gestimmt, etwas mehr als 19 Prozent für Jean-Luc Mélenchon. Mélenchon verfolgte zwar eine andere Strategie als Le Pen, aber auch er ist zum Frexit bereit. 40 Prozent. Das ist kein Alarmzeichen mehr. Das ist ein Flächenbrand.

In zwei Woche werden wir wissen, welchen Weg die Franzosen einschlagen wollen. Sollte Macron gewinnen, muss er die Millionen Franzosen, die Le Pen und Mélenchon ihre Stimme gegeben haben, davon überzeugen, dass die EU auch für sie das richtige Projekt ist. Dazu braucht er die Hilfe der europäischen Partner, allen voran Deutschlands. Denn auf Dauer kann die Union mit einer so großen Ablehnung in Frankreich nicht leben.