Emmanuel Macron, der jüngste, liberalste und europäischste aller elf Kandidaten, ist der Sieger des ersten Wahlgangs der französischen Präsidentschaftswahlen. Macron, ehemaliger Wirtschaftsminister und Investmentbanker, vertritt das weltoffene Frankreich. Er liegt nun knapp zwei Prozentpunkte vor seiner nicht zuletzt auch in Deutschland gefürchteten Verfolgerin, der Rechtsextremistin Marine Le Pen, die Frankreich aus der Europäischen Union führen will.

Doch Europa und der Rest der freien Welt können aufatmen: Mit Le Pens Frexit wird es nichts. Schon an diesem Morgen sind die Eurokurse an den asiatischen Börsen in die Höhe gegangen. Denn Macron, der 39-Jährige, der noch nie eine Wahl gewonnen hat, und dem deshalb viele bis kurz vor Schließung der Wahllokale den großen Erfolg nicht zutrauten, ist jetzt klarer Favorit für den zweiten Wahlgang in zwei Wochen.

Nicht nur, weil schon am Wahlabend die Vertreter der großen Parteien, Sozialisten und Konservative, zur Wahl Macrons aufriefen. Sondern auch, weil es Macron im Wahlkampf gelungen ist, sich als Alternative zum politischen Establishment zu präsentieren. Ihm gelang es wie keinem anderen, gute Laune in einem eher missgelaunten Land zu verbreiten: Ohne eigene Partei, unterstützt von vielen jungen Leuten einer von ihm ins Leben gerufenen Freiwilligenbewegung namens En Marche, stets technikbegeistert und mit einer 24 Jahre älteren Ehefrau im Arm, die einmal seine Französischlehrerin am Gymnasium war – Macron kam an, schmückte die Titelseiten, elektrisierte.

Das konnte man von Marine Le Pen im Wahlkampf nicht behaupten. Sie trat dieses Mal als Favoritin für den ersten Wahlgang an und tat sich schwer mit der ungewohnten Rolle: Mal stellte sie sich bewusst milde und staatsmännisch dar. Als sich dann ihre Umfragewerte verschlechterten, schaltete sie wieder auf die altbekannte Ausländerhetze ihres Vaters um. Zudem erwies sich das Thema Frexit im Wahlkampf als Flop. Le Pen unterschätzt, wie europafreundlich die Franzosen trotz allem sind. Das kostete sie viele Stimmen, denn nach dem Brexit haben die Franzosen eher Angst vor dem Frexit.

Zwar liegt Le Pens Wahlergebnis deutlich über ihrem Stimmenanteil bei der letzten Präsidentschaftswahl. Damals bekam sie 6,4 Millionen Stimmen, jetzt sind es rund 7,5 Millionen. Das ist das beste Wahlergebnis, das ein Kandidat des rechtsextremen Front National (FN) je erzielte; aber es ist trotzdem nicht der von Le Pen erhoffte Durchbruch zur Mehrheitsfähigkeit. Zu einem Wahlsieg am 7. Mai bräuchte sie mehr als doppelt so viele Stimmen.

Trotz Erfolgs Verliererin der Wahl

Insofern ist Marine Le Pen trotz ihres Erfolges, im zweiten Wahlgang zu stehen wie ihr Vater vor 15 Jahren, auch eine Verliererin der Wahl. Viele hatten erwartet, dass sie im ersten Wahlgang die meisten Stimmen bekommen würde. Entsprechend reagierten ihre Anhänger in der nordfranzösischen Arbeiterstadt Hénin-Beaumont, wo die Kandidatin den Wahlabend verbrachte. "Nicht schlecht, wir sind im Finale", sagten sie und schwenkten ihre blauen Fahnen mit der Aufschrift "Marine". Doch Siegesstimmung kam  nicht auf. 

Umso aggressiver stieg am nächsten Morgen FN-Vize Florian Philippot in den Wahlkampf für die zweite Runde ein. Er warf Macron vor, "zu Merkel gegangen zu sein, um ihr zur Aufnahme einer Million Flüchtlinge zu gratulieren", und forderte einmal mehr eine Abstimmung gegen die EU. Doch mit genau dieser Rhetorik ist der FN bisher im Wahlkampf nicht gut angekommen.

Unübersehbare Verlierer der Wahl sind außerdem die Konservativen und Sozialisten, die seit Bestehen der fünften Republik 1958 stets den französischen Präsidenten stellten. Erstmals werden sie keinen Kandidaten im zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen haben. "Eine Ära der französischen Politik geht ein für alle Mal zu Ende", sagte Wahlsieger Macron. Ob das stimmt, steht noch nicht fest. "Dies ist eine Wahl mit vier Wahlgängen", sagte nicht zu Unrecht François Baroin, Bürgermeister von Troyes und einer der führenden Konservativen Frankreichs. Denn es ist nicht ausgeschlossen, dass die beiden Parteien bei den im Juni folgenden Parlamentswahlen ein Comeback erleben.

Frankreich hat ein Zeichen gesetzt

Kein französischer Präsident kann ohne Parlamentsmehrheit sein Programm durchsetzen. Das könnte für den neuen Favoriten Macron noch bitter werden, wenn seine Bewegung En Marche erstmals mit eigenen Kandidaten bei einer Wahl antreten wird. Niemand gibt ihr bisher Gewinnchancen. Folglich wird Macron Koalitionen bilden müssen – noch ein Novum für die fünfte Republik.

Macron stehen jetzt zwei harte Wochen bevor. Der FN und andere Kräfte werden ihn attackieren und versuchen, ihn zu diffamieren. Aber seine Aussichten sind gut: Selbst FN-Funktionäre rechneten am ersten Wahlabend nicht mehr mit einem Wahlerfolg Le Pens. Wenn Macron gewinnt, wird er als Sieger über Nationalismus und Populismus in Europa gelten. Frankreich hat gestern schon ein Zeichen gesetzt: Noch hat der Rechtsextremismus in Europa keine Chance.