Unsere Politiker überbieten sich in ihren Glückwünschen an Macron. Ihnen ist ein Stein vom Herzen gefallen. Eine Präsidentin Le Pen wäre aus deutscher Sicht der Horror, denn sie würde nicht nur den Euro aufgeben, sondern gleich die EU verlassen. Der Frexit hätte weit schlimmere Folgen als der Brexit. England hat nie den Euro eingeführt, und in der Europäischen Union war es immer schon halb drin, halb draußen. Frankreich hingegen ist seit sechzig Jahren ein tragender Pfeiler der Brüsseler Gemeinschaft und war neben der Bundesrepublik die treibende Kraft zur Gemeinschaftswährung. Le Pen im Élysée, das wäre das Ende des europäischen Projekts, wie wir es kennen.

Le Pen kann noch gewinnen

Mit Glückwünschen für Macron ist es daher nicht getan. Die Bundesregierung sollte vor dem Stichwahlsonntag klar machen, welche Hilfe sie bereit wäre, den Franzosen zu leisten. Macron muss etwas gegen die zweistellige Arbeitslosigkeit tun; er muss der schwächelnden Wirtschaft aufhelfen; und auch er will die Aufnahme von Migranten begrenzen. Vor allem aber hat er sich vorgenommen, dem Europäischen Gedanken neues Leben einzuhauchen. Berlin könnte ihm da mit konkreten Vorschlägen in puncto Handelsüberschuss und Reformen der Eurozonen-Strategie den Rücken stärken. Mindestens die Umrisse einer verstärkten Zusammenarbeit in der EU müssten allerdings in den nächsten zehn Tagen sichtbar werden.

Es wäre eine Methode, die Niederlage Marine Le Pens zu sichern. Gewährleistet ist sie bisher nicht – Roger Cohen hat das in einem Szenario geschildert, das einem Gänsehaut verursachen kann: "Die eher nach rechts neigenden Wähler Fillons gehen zu Le Pen über. Die Anhänger des linksradikalen Mélenchon weigern sich, für Macron zu stimmen; sie glauben, dass Macron trotz all seines progressiven Geredes auf einen neoliberalen Globalkapitalismus aus ist. Auch einige Anhänger des Sozialisten Hamon weigern sich, Macron zu unterstützen. Die Zahl derer, die sich der Wahl enthalten, steigt in die Höhe. Le Pen quetscht sich an 50 Prozent vorbei und wird Präsidentin."

Nur ein Albtraum? Es wäre eine Zeitenwende.