"Die Verbundenheit mit dem FN liegt im öffentlichen Dienst bei 19,6 Prozent," sagt Luc Rouban, Forscher am Zentrum für politische Studien der Universität Sciences Po in Paris. Am stärksten ist sie demnach, wenig überraschend, in Berufsgruppen mit niedriger Besoldung.

Die Tendenz ist bekannt: Je niedriger das Einkommen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass Franzosen rechtsextrem wählen. 32 Prozent der Stimmen bekam Le Pen im ersten Wahlgang aus Haushalten mit einem monatlichen Einkommen von höchstens 1250 Euro. Macron dagegen die meisten Stimmen von Wohlhabenderen mit einem Monatsverdienst von 3.000 Euro und mehr.

So geben im öffentlichen Dienst 34 Prozent des Pflegepersonals in Krankenhäusern an, Le Pen auch im zweiten Wahlgang wählen zu wollen. Bei den Polizisten ist es sogar jeder zweite. Das Attentat, bei dem einer ihrer Kollegen wenige Tage vor der ersten Wahlrunde in Paris getötet und zwei weitere verletzt wurden, spielt der FN-Kandidatin in die Hände.

Wut der Polizisten über schlechte Arbeitsbedingungen und Bezahlung

Erst am Mittwoch protestierten erneut landesweit Sicherheitsbeamte gegen ihre Arbeitsbedingungen. "Heute kann sich ein Polizist für 1.900 Euro feige auf den Champs-Élysées umbringen lassen," schimpfte Yves Lefèvre, Generalsekretär der Polizeigewerkschaft SGP, am Ort des jüngsten Anschlags. "Herr Macron und Frau le Pen sollten unserer Wut gut zuhören," schickte er mahnend hinterher. "Sie sollten sich die schlechten Arbeitsbedingungen der Polizisten ansehen, die Bezahlung der einfachen Beamten erhöhen und aufhören, die Führungskader der Polizei zu bedienen. Denken Sie an die Arbeiter, diejenigen, die täglich für Sicherheit sorgen," rief er.

Im Gegensatz zur größeren Polizeigewerkschaft Alliance, die ihre Mitglieder zu einem Votum gegen Le Pen aufgerufen hat, schweigt sich Lefèvre vielsagend aus. "Ich rufe nicht dazu auf, irgendjemanden zu wählen", sagt er. "Einem Polizist, der täglich bedroht ist, der der letzte Gewährsmann der republikanischen Werte im Angesicht des Terrorismus ist, dem muss man bestimmt nicht sagen, wen er wählen soll." Die SGP gehört zum Gewerkschaftsverband Force Ouvrière (FO). Der war Ende der 1990er Jahre der einzige, der Mitglieder aus den verbotenen FN-Gewerkschaften aufnahm.

Unterstützung auch von Mittelständlern

Auch bei vielen Unternehmern kommt Le Pen gut an. Bei denen, die nicht exportieren und in der von ihr geplanten Abschottung des Landes und dem Austritt aus Euro und EU mehr Vorteile als Nachteile sehen. "Sie ist dafür, kleinen und mittelständischen Unternehmen bei öffentlichen Ausschreibungen den Vorzug zu geben. Das ist eine gute Sache," findet Pierre Kuchly, Chef der französischen Mittelstandsvereinigung CPME. "Die Italiener kaufen italienische Produkte, die Deutschen deutsche Produkte, aber die Franzosen kaufen das Billigste. Da muss man sich nicht wundern, dass es in diesem Land keine Fabriken mehr gibt."

Pascal Jenft hat der FN-Politikerin sogar die Schlüssel zu seiner Firma Fermap in der lothringischen Grenzstadt Forbach ausgehändigt. Sie erzählt die Geschichte gerne als Beweis des Vertrauens, das ihr die Wirtschaft entgegen bringe. "Ich wollte damit mein Schicksal in ihre Hände legen," sagt der 49-Jährige, der mit 27 Mitarbeitern Fenster und Türen für den regionalen Markt herstellt. "Wir werden von der innereuropäischen Konkurrenz, vor allem von den östlichen Ländern fertiggemacht," jammert er. "Dort sind die Löhne 70 Prozent niedriger als bei uns. Der FN ist die einzige Partei, die uns verteidigt, uns zuhört."