Vor dem Sitz des Erzbistums Straßburg sitzen Touristen und Einheimische im einzig offenen Café, es ist Karfreitag. Im Hintergrund läuft ein Radio, eine Talkshow, die von der Moderatorin unterbrochen wird: "Es folgen die offiziellen Wahlkampfspots der Kandidaten." Sie sprechen von Wirtschaft, Arbeit, Europa. Und zwischendrin immer wieder dieses Wort: Laïcité.

Marine Le Pen spricht, rau und laut, von der "Rückkehr zur Laïcité". Benoît Hamon sagt, er kämpfe "für das Gesetz von 1905, das ganze Gesetz von 1905 und nichts als das Gesetz von 1905". Emmanuel Macron verteidigt "strikt das Prinzip der Laïcité", François Fillon ist zwar bekennender Katholik, aber trotzdem "flammender Verteidiger der Laïcité", und Jean-Luc Mélenchon sieht die Laïcité "von den Staatsoberen mit Füßen getreten."

Laïcité, der Laizismus, das ist mehr als die Trennung von Kirche und Staat. Es ist auch die Trennung von Religion und Öffentlichkeit, der Schutz aller Religionen vor dem Staat und des Staates vor allen Religionen. Sie gehört zum französischen Selbstverständnis wie Liberté, Égalité und Fraternité, für 84 Prozent der Franzosen ist Laïcité ein grundlegender Wert der Republik, für 46 Prozent sogar der grundlegende. Und 81 Prozent der Franzosen sagen: Die Laïcité ist in Gefahr, und zwar wie nie zuvor.

Diese Gefahr geht, so die Erzählung, vom Islam aus. Le Pen spricht von der Unvereinbarkeit von öffentlichen Gebeten mit der Laïcité, vom Kopftuch ganz zu schweigen. Nach jedem der islamistischen Anschläge, die Frankreich in den vergangenen Jahren trafen, folgt dieses Raunen, nicht nur auf rechtsextremen Seiten wie Riposte laïc, dem französischen PI-news: Das Land kusche, oder, wie Michel Houellebecq eindrucksvoll schrieb, es "unterwerfe" sich, heißt es dann. Dem allerrechtesten Rand entsprungen findet sich diese Sicht heute in unterschiedlich starker Ausprägung in den Wahlprogrammen jedes einzelnen Kandidaten.

Ein halbe Stunde von der Straßburger Innenstadt entfernt, nahe der deutschen Grenze, liegt idyllisch an einem Weiher der einzige kommunale muslimische Friedhof Frankreichs. Auf dem Kieselweg zwischen den unscheinbaren muslimischen Gräbern mit ihren geschwungenen Holzscheiten und dezenten Erd- und Steinaufschüttungen steht Eric Schultz, Grüner Stadtrat und Beigeordneter des Straßburger Bürgermeisters. Er ist unter anderem für die Friedhöfe der Stadt zuständig. Das ist manchmal anstrengender, als es sich anhört, besonders seit der muslimische Friedhof 2012 eröffnet wurde. 

Die Toten nicht mehr im Herkunftsland bestatten

Sonderbehandlung wurde dem Bürgermeister vorgeworfen, Staatsfinanzierung von Parallelgesellschaften. Im Stadtrat reichten verschiedene rechte Parteien formell Beschwerde ein. "Nach einigen Monaten aber", sagt Schultz, "erkannten alle, dass der Friedhof nötig ist." Er bekomme extrem viele Anfragen. "Aus Straßburg. Aus umliegenden Städten, aus anderen Departements." Wer sich im Rest Frankreichs nach muslimischem Brauch beerdigen lassen will, kann das nur auf privaten Friedhöfen. Viele werden auch von ihren Familien zurück in die Ursprungsländer geflogen, nach Tunesien, in die Türkei oder nach Algerien.

Auf französischen kommunalen Friedhöfen ist – aus Traditionsgründen – die christliche Bestattung der Standard. Eine muslimische ist aus vielen Gründen schwierig. Die Gräber müssen so liegen, dass Füße und Gesicht in Richtung Mekka zeigen, dazu muss der Grabplatz in Nord-Süd-Richtung angelegt sein. Es gilt ewige Totenruhe, ein Grab kann nicht zweimal benutzt werden. Ein Grab auf einem kommunalen Friedhof kann aber nur für 15 Jahre konzessioniert und danach nur begrenzt verlängert werden. Im Islam werden auch im Mutterleib gestorbene Föten begraben, außerdem ist Einäscherung unüblich, was dazu führt, dass proportional zur Bevölkerung besonders viele Grabplätze von muslimischen Toten belegt sind.

Rund acht Prozent der Franzosen sind Muslime. Tendenz steigend. Und alternd. "Der Friedhof ist angelegt auf zehn Jahre", sagt Schultz. Was dann wird, weiß keiner. Denn seit 2013, ein Jahr nach der Eröffnung, hat sich die Situation verkompliziert.

"Wir leben den interreligiösen Dialog"


Nur 27 Prozent der Franzosen bezeichnen sich als religiös, zehn Prozent als sehr religiös. Beides sind die niedrigsten Werte weltweit. In Artikel 1 der Verfassung von 1958 steht: "Frankreich ist eine unteilbare, laizistische, demokratische und soziale Republik." Ähnliches steht auch in der chinesischen, der türkischen und der mexikanischen Verfassung. Nirgendwo aber gilt das so strikt und umfassend wie in Frankreich. Es hängen keine Kreuze in Schulen, Kopftücher sind in öffentlichen Gebäuden verboten. Es gibt keinen Religionsunterricht, keine Theologischen Fakultäten, es gibt keine staatlich anerkannten Pater, Priester, Pfarrer, Imame, Rabbiner. Es gibt keine konfessionellen Friedhöfe, keine öffentlichen Krippenspiele, keine Prozessionen auf öffentlichem Grund. Es gibt keinen zweiten Weihnachtsfeiertag und keinen Karfreitag. So ist das in Frankreich, außer im Elsass.

Hier wird im Straßburger Münster eine der größten Ostermessen des Landes gefeiert, hier ist Karfreitag Feiertag. Im Elsass gilt die Laïcité nicht. Denn während die Franzosen das Gesetz 1905 schrieben, war das Elsass Teil des Deutschen Kaiserreichs. Und als es wieder französisch wurde, wollten die Elsässer dieses Gesetz nicht übernehmen. Bis heute nicht. Stattdessen ist bis heute das sogenannte Konkordat in Kraft, der Staatskirchenvertrag von 1801, den Napoleon mit der Kirche schloss.

In Straßburg gibt es die einzige Theologische Fakultät Frankreichs, katholisch und evangelisch. Ein Abschluss dort ist zwingend für jeden, der im Elsass Priester werden will. Es gibt hier auch Subventionen für den Bau von Kultstätten, für Renovierungen, für größere Veranstaltungen und Wohlfahrtsverbände. Und es gibt zusätzliche Feiertage und konfessionelle Friedhöfe. 

Das Konkordat gilt nur für den Katholizismus, das Judentum und den Protestantismus, Religionen, die 1801 in Frankreich verbreitet waren. Seitdem hat sich aber einiges geändert. Vor allem: Der Islam ist Teil Frankreichs geworden.

Die elsässische Ausnahme

Bernard Xibaut, ein bekränzter Mann Mitte 50 mit sanftem Ausdruck, sitzt hinter seinem schweren, braunen Eichenholztisch im Seitenflügel der Erzdiözese Straßburg. Er ist Bischofskanzler, eine Stelle, die es in Frankreich nur im Elsass gibt, das Scharnier zwischen Staat und Kirche, so etwas wie der weltliche Chef des Bistums. Auf seinem Tisch stapeln sich Unterlagen, Bewerbungen von Priesteranwärtern, von Kandidaten für Neubesetzungen oder Beförderungen; Xibaut muss sie von seinem Ansprechpartner im Innenministerium genehmigen lassen. Erst dann ist seine Personalentscheidung rechtskräftig.

Bernard Xibaut, Bischofskanzler der Erzdiözese Straßburg © Fabian Federl für ZEIT ONLINE

Aus seinem Bücherregal zieht Xibaut ein dünnes, blaues Buch, Décision n° 2012-297 QPC du 21 février 2013 steht darauf, er liest vor, erst murmelnd und dann ganz deutlich: "Mantien d’une exception", sagt er. Und fügt auf Deutsch hinzu: "Beibehaltung einer Ausnahme". Das Gericht hat 2013 die Ausnahme für das Elsass bestätigt. Mit einer Bedingung: "Sie darf nicht ausgeweitet werden." Alles muss bleiben, wie es ist, oder weniger werden. Das gilt auch für andere Religionen oder Konfessionen.

Mit der Entscheidung sind Islam, Buddhismus, orthodoxe Kirche und all die anderen seit 1801 in Frankreich eingeführten Religionen offiziell nicht Teil der Ausnahme, die im Elsass gilt.

Die Elsässer legten Wert auf ihre "Beinfreiheit", wenn es um Religion geht, sagt Eric Schultz. "Nicht ohne Grund", sagt Bernard Xibaut, "sind die besten Integrationsmaßnahmen Frankreichs hier im Elsass entstanden. Wir leben den interreligiösen Dialog schon seit Jahrhunderten." Religionsvertreter müssen sich dreimal im Jahr treffen, gemeinsame Interessen herausarbeiten, die sie dem Staat gemeinsam präsentieren. Lädt der Staat Religionsvertreter ein, dann alle gemeinsam.

Die Uni Straßburg bietet Kurse für Imame an

Trotz der verfassungsgerichtlichen Entscheidung von 2013 werden der Islam, die orthodoxe Kirche und der Buddhismus heute im Elsass behandelt, als seien sie Teil dieses Gesetzes. Indem etwa eine Kultstätte als städtische Begegnungsstätte deklariert wird. Oder ein muslimischer Friedhof als kommunaler Friedhof, auf dem nach muslimischem Brauch bestattet wird. Die Regierung subventioniert so Moscheen, Pagoden und orthodoxe Kirchen. Die Grande Mosquée in Straßburg wurde zu mehr als 25 Prozent von der Stadt subventioniert. Sozialisten, Republikaner, Grüne, Linke, Rechte, alle Stadtratsparteien, mit Ausnahme des Front National, stimmten dafür.

Die Grande Mosquée in Straßburg wurde zu über 25 Prozent von der Kommune mitfinanziert. Im Rest Frankreichs wäre das unmöglich. © Fabian Federl für ZEIT ONLINE

Im Elsass gibt es gemeinsamen, konfessionsungebundenen Religionsunterricht, die Universität in Straßburg bietet Kurse für angehende Imame und Moscheevorsteher an. Das Konkordat – und die Gleichbehandlung der anderen Religionen nach seinem Vorbild – regelt die Pflichten und Rechte der Kirche vor Staat und Bürgern. Es könnte ein Vorbild für ein Islamgesetz sein, wie es in Frankreich und Deutschland gefordert wird.

Doch weil die Gleichbehandlung im Gegensatz zum Konkordat von 1801 unreguliert ist, ist nichts davon verpflichtend. Wer als Muslim keine Mitsprache will, lässt sich privat oder vom Ausland finanzieren, vor allem wohlhabende Verbände lassen sich nicht reinreden, dazu gehören Millî Görüş, DİTİB France oder die Muslimbruderschaft.

Die Kehrseite der Laïcité

Und unter anderem deshalb hallt die Stimme von Marine Le Pen durch das Café. In Talkshows redet sie sich regelmäßig in Rage, wenn es darum geht, dass Imame aus dem Ausland bezahlt werden; eine politische Realität, die auch wegen der Laïcité unausweichlich ist.

Laut Angaben des französischen Senats gibt es in Frankreich mehrere Hundert Imame, die aus ihren Heimatländern nach Frankreich entsandt sind, darunter 151 türkische, 120 algerische und 30 marokkanische. "Die meisten von ihnen tragen politische Färbungen aus dem Heimatland mit und verbreiten sie", sagt Thierry Rambaud, Professor für öffentliches Recht an der Universität Sorbonne in Paris. Das sei eine implizite, in seltenen Fällen sogar explizite Voraussetzung für die Entsendung. In Frankreich gibt es keine Möglichkeit, sich zum Imam ausbilden zu lassen.

Marion Maréchal-Le Pen, Front-National-Abgeordnete und Nichte von Marine Le Pen, sagt: "Unsere Herkunft ist griechisch-römisch; (…) kulturell und spirituell christlich." Sie sagt das, was ihre Tante und Parteichefin, große Verteidigerin der Laïcité, nur hinter vorgehaltener Hand zu sagen wagt: "Der Islam darf nicht denselben Platz in der französischen Gesellschaft haben wie der Katholizismus."

Den hat er auch nicht. Genau deshalb kämpfen sie in Straßburg seit Jahren dafür.