Im nationalen Rausch – Seite 1

Es gibt belgische Waffeln, amerikanische Cola, kostenlose Frankreichfahnen und blinkende Marine-Broschen. Und am Ende gleich zwei Mal die Nationalhymne, gesungen von rund 4.000 Anhängern Marine Le Pens, die am Donnerstagabend die rechtsextreme Präsidentschaftskandidatin feiern und ihr einen Sieg beim Duell gegen Emmanuel Macron am 7. Mai wünschen. Le Pen kam ins südfranzösische Nizza, weil hier schon immer die zahlreichsten und treusten "Patrioten" lebten, wie die Kandidatin ihre Anhänger nennt; und weil hier im vergangenen Sommer 86 Menschen von einem Terroristen überfahren und Hunderte weitere verletzt wurden. Es ist einer von Le Pens wichtigsten Punkten an diesem Abend: Mit ihr an der Macht hätte es Anschläge wie den von Nizza nicht gegeben, behauptet sie.

Das Thema ist emotional, vielleicht sind sogar Opfer des Anschlags im Publikum. Der Saal bebt. "On est chez nous", singen die Anhänger des Front National (FN), was in etwa soviel heißt wie "Frankreich den Franzosen" oder auch "Wir sind bei uns zu Hause". In dem ufoähnlich geschwungenen Nikaia-Saal treten in den kommenden Wochen Stars wie Depeche Mode oder Christoph Mae auf, an diesem Abend ist es die Frau, die Emmanuel Macron am 7. Mai schlagen will. Und auch wenn der parteilose Liberale in den meisten Umfragen zwischen acht und zehn Punkten vor Le Pen liegt, hat die Rechtsextreme laut Meinungsumfragen einen deutlich besseren Start vor der Stichwahl hingelegt. Erst recht aus Sicht der Südfranzosen, die schon immer rechts und zuletzt auch mehrheitlich nationalistisch gewählt haben. Schon in der ersten Runde lag Le Pen hier weit vor ihrem liberalen Kontrahenten Emmanuel Macron.

Seit Marine Le Pens PR-Coup am Mittwoch, als sie bei dem von Schließung bedrohten Trockner- und Waschmaschinenhersteller Whirlpool auftrat, sind die Anhänger optimistisch, die Wahl doch noch zu gewinnen. Der Standort in Amiens soll geschlossen werden, um in Polen günstiger zu produzieren. Das Werk ist Dauerthema in den französischen Nachrichten, weil hunderte betroffene Arbeiterinnen und Arbeiter veranschaulichen, worüber die Kandidaten sonst streiten: Den wilden Kapitalismus, eine profitgierige Industrie und einen Landstrich, in dem die Bürger verarmen. Während Macron bei seinem Besuch dort von Angestellten und FN-Anhängern ausgebuht wurde, ließ sich Le Pen mit dutzenden Selfies ablichten und feiern.

Die rechtsextreme Politikerin drängt ihren Konkurrenten vor allem in die wirtschaftsliberale Boss-Rolle. "Dieser junge Trader", wie sie den ehemaligen Banker bezeichnet, sei einer der radikalisiertesten Vertreter von Europa: Er wolle Brüssel immer mehr Macht geben und sogar eine europäische Regierung einrichten. Le Pen dagegen greift zu nationalistischen Tönen. Das Land wieder zurückzugewinnen sei eine Bestimmung, sie glaube daran, dass ein Volk nicht zu beherrschen, sondern nur zu gewinnen sei. Macron bezeichnet sie nicht nur deshalb zeitgleich in einem Fernsehinterview als "kriegstreibende Erbin".

Doch die Anhänger des Front National sind überzeugt davon, dass es ihnen mit geschlossenen Grenzen und ohne die EU besser ginge. Ein Koch findet mit seiner Freundin keine schöne Wohnung im teuren Südfrankreich, er glaubt, Le Pen werde alle Ausländer aus ihren Wohnungen herausbefördern und Platz schaffen für ihn, den gebürtigen Franzosen. Er habe schon alles ausprobiert, links und rechts gewählt, aber noch immer gehe es ihm schlecht, jetzt könne er nur noch Marine vertrauen. 

"Ich bin Pfleger in einem Krankenhaus und möchte, dass zuerst Franzosen behandelt werden, und ganz zum Schluss die Ausländer", sagt ein junger Mann mit kurzen gegelten Haaren an diesem Abend in Nizza, er riecht nach Rasierwasser. Vielleicht ist es aber auch der allgemeine Duft im Saal, es sind sehr viele junge Männer gekommen. In ihrer Gruppe bekommt Le Pen den höchsten Zuspruch.

Sozialneid und Ausländerhass

Eine Frau, die mit ihrer fünfzehnjährigen Tochter angereist ist, sieht Le Pen als beste "Grenzschließerin". Frankreich sei nicht groß genug, um so viele Flüchtlinge aufzunehmen. Dass im vergangenen Jahr nur rund 200.000 Menschen ein Aufenthaltsrecht erhalten haben, beruhigt sie nicht. "Ich pflege alte Menschen, nächtelang, ich gebe gerne, aber nicht denen." Frankreich habe immer freundlich Ausländer empfangen, russische Tänzer und internationale Modedesigner beispielsweise, aber nun sei es genug. Ihre Tochter mit der wilden Lockenpracht schwenkt zu ihren Worten eine Frankreichfahne. Sie findet es gut, dass Le Pen wieder Schuluniformen einführen will. "Das macht uns stolzer."

Die neuen Erkenntnisse der EU-Ermittler zur Affäre Le Pens, nach denen der Front National über Jahre Parteimitarbeiter vom Europäischen Parlament bezahlt haben soll, interessieren ihre Anhänger in Nizza wenig. Über diesen Vorwurf der Scheinbeschäftigung ist ihr früherer Widersacher, der Konservative Francois Fillon, gestürzt. Le Pens Fans aber verzeihen es, möglicherweise Geld aus dem unbeliebten Brüssel entwendet zu haben. 

"Fillon hat die Franzosen verraten", sagt Le Pen. Macron sei ein "Auserwählter der Oligarchie", ein Banker, "gefühllos und kalt". Le Pen klingt so, wie Donald Trump über Hillary Clinton sprach. Und wie Hillary Clinton versucht sich Macron darin, höflich und korrekt aufzutreten. "Le Pen hat eine menschliche Seite und ich bewundere, wie entschlossen sie ist", sagte er im zeitgleich ausgestrahlten Fernsehinterview.

Doch bislang kann keine der beiden Strategien die unentschlossenen französischen Wählerinnen und Wähler überzeugen: Die Demonstrationen unter dem Motto "Nein zum Patron und zur Patriotin" werden zahlreicher. Und mehr als jemals zuvor wollen sich am 7. Mai enthalten.