Dies sind Auszüge aus der Graphic Novel Die Präsidentin von François Dupaire und Farid Boudjellal. Das Buch ist auf Deutsch im Verlagshaus Jacoby & Stuart erschienen. Thema ist die fiktive Machtübernahme Marine Le Pens nach der Präsidentenwahl Anfang Mai 2017.

Am 7. Mai 2017 wird Marine Le Pen mit einer knappen Mehrheit zur ersten Präsidentin der Republik Frankreich gewählt. Eine Rekordzahl von Franzosen hat sich bei der Wahl enthalten – und so alle Prognosen zunichte gemacht.

Traditionell verreisen die Franzosen während der Brückentage um den 8. Mai herum, sie besuchen ihre Familien in der Heimat. Ein Drittel der Wählerschaft ist dieses Jahr nicht verreist. Diejenigen, die für Marine gestimmt haben. Sie waren am Ende zahlreicher als jene, die sich gezwungen haben, gegen sie zu stimmen. Denn eine besondere Begeisterung für ihren Gegenkandidaten gab es nicht. Ähnlich wie beim Brexit oder beim Erfolg von Donald Trump ist erneut ein Damm gebrochen.

© François Dupaire, Farid Boudjellal, Verlagshaus Jacoby & Stuart

Die Welt ist bestürzt: Wie kann es sein, dass nun auch das Land der Menschenrechte, das Land von Voltaire, Hugo und Césaire von der nationalistischen Welle mitgerissen wird?

Die Gründe dafür finden sich zuerst in der französischen Innenpolitik: Die Linke ist zwischen Mélenchon, Hamon und Macron gespalten; die Rechte ist durch die Fillon-Affäre und Penelope-Gate völlig diskreditiert. Hinzu kommen die Angst vor dem Terror und die angespannte Situation in den Vorstädten.

Und dann die internationalen Gründe: die Bewegung derer, die die Globalisierung ablehnen und sowohl gegen weltweiten Kapitalverkehr sind als auch gegen die Vermischung von Bevölkerungen, weil sie glauben, dass so die kulturelle Identität der westlichen Nationen verschwindet.

Das Wahlergebnis führt zu Demonstrationen, wie es sie nach einer demokratischen Wahl noch nie gegeben hat. Es gibt Auseinandersetzungen zwischen rechtsextremen und linksextremen Demonstranten am 8. und am 9. Mai.

Doch die meisten Franzosen sind in Schockstarre verfallen. Sie scheinen es nicht glauben zu können, genau wie ihre europäischen Nachbarn, die von der Nachricht erschüttert sind. In Madrid, Berlin, Rom und Brüssel fühlt man sich wie ein Waisenkind der Mitbegründerin des europäischen Traums. Die Schlagzeilen der europäischen Presse zeugen von dieser Bestürzung.

© François Dupaire, Farid Boudjellal, Verlagshaus Jacoby & Stuart

Das Erste, was die neue Staatspräsidentin tut, betrifft die Institutionen. In ihrer Rede am 8. Mai verspricht sie, dem Volk die Macht zurückzugeben durch die Einführung von Referenden auf Basis von Volksbegehren und kündigt an, dass die Parlamentswahlen rein nach proportionalem Wahlrecht stattfinden werden.

Die neue Präsidentin weiß, sie muss sich gleich ihrer schwierigsten Aufgabe annehmen: Sie braucht die Mehrheit im Parlament, um ihre Politik umzusetzen. In den ersten fünf Tagen ihrer Präsidentschaft hat sie schon Kontakte bei den bürgerlich-rechten Republikanern geknüpft. Vor allem mit denen, die bereits Sympathien für die nationalistischen Ideen haben erkennen lassen.

© François Dupaire, Farid Boudjellal, Verlagshaus Jacoby & Stuart

Republikanischer Widerstand

Aber auch wenn die Demokratie der nationalistischen Offensive nachgegeben hat, hält sich die französische Republik noch. Drei Tage nach der Wahl gründet sich der Republikanische Widerstand, Menschen von der extremen Linken bis hin zur republikanischen Rechten vereinen sich. Ihr Ziel? Sich gegen alle Entscheidungen zu stellen, die gegen republikanische Werte verstoßen. Zum Beispiel gegen die Absicht der Arbeitsagentur, eine nationale Priorität für die Anstellung von Arbeitern einzuführen; gegen die Abschaffung der doppelten Staatsbürgerschaft und gegen die Abschaffung des Geburtsortsprinzips sowie gegen den Ausschluss ausländischer Kinder aus staatlichen Schulen. Das letztere Vorhaben widerspricht nicht nur den Ferry-Gesetzen, die obligatorische, laizistische und kostenlose Grundschulbildung vorsehen, sondern auch der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.

Die neue Präsidentin hat vor, einen "intelligenten Protektionismus" einzuführen, gelenkt von einem "strategischem Staat" und von "wirtschaftlichem Patriotismus". Außerdem verkündet sie, eine Steuer für alle zu erheben: Davon betroffen wären 38 Millionen Steuerzahler.

Der erste Staatsbesuch führt Marine Le Pen am 25. Mai nach Berlin. Sie trifft Angela Merkel, eine Konfrontation völlig unterschiedlicher Persönlichkeiten mit völlig unterschiedlichen Weltanschauungen. Die Bundeskanzlerin erinnert an die wichtige Beziehung zwischen Deutschland und Frankreich, die bereits von de Gaulle und Adenauer, Giscard d’Estaing und Schmidt, Mitterand und Kohl gepflegt wurde.

© François Dupaire, Farid Boudjellal, Verlagshaus Jacoby & Stuart

Marine Le Pen ist das egal: Sie ist gekommen, um Merkel mitzuteilen, dass Frankreich aus den Schengen-Verträgen aussteigen will. In wenigen Stunden wird die Reisefreiheit zwischen den beiden Ländern aufgekündigt – und damit der Traum der Gründer Europas.

Aus dem Französischen übersetzt von Naneïssa Maïga