Das Jahr 2017 ist in jedem Fall ein denkwürdiges Jahr für Europas Nationalisten. Obwohl Geert Wilders die Wahlen in den Niederlanden nicht gewonnen hat. Selbst wenn Marine Le Pen nicht französische Präsidentin werden und selbst wenn die AfD im Herbst ein zweistelliges Ergebnis verpassen sollte. Es ist nämlich das Jahr, in dem sie zum ersten Mal gemeinsam in den Wahlkampf zogen.

Jahrelang scheuten die deutschen, französischen, niederländischen und österreichischen Nationalisten zu große Nähe zueinander. Erst seit Kurzem entsteht aus isolierten Randparteien eine Internationale, die der liberalen Demokratie geschlossen den Kampf ansagt. 

Und es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass eine solche Allianz an ihren inneren Widersprüchen scheitern muss.

Neu ist es nicht, dass nationalistische Parteien den Austausch suchen, nur war er früher nie systematisch – und blieb weitgehend folgenlos. Mal setzten sich Jörg Haider und Jean-Marie Le Pen zusammen, mal half der Front National den Schwedendemokraten mit Geld. Dann war wieder Funkstille. Doch seit einigen Jahren ist etwas in Bewegung geraten. "Die radikale Rechte arbeitet heute besser zusammen als je zuvor", sagt der Politikwissenschaftler Cas Mudde, der zahlreiche Bücher über die radikale Rechte geschrieben hat.

Muster der Zusammenarbeit: wie Diktaturen

Nur: Wie gut genau? Selbst Forscher, die sich seit Jahren mit diesen Parteien befassen, wissen darüber wenig. Detaillierte Studien fehlen. Aber die öffentlich zugänglichen Informationen setzen sich zunehmend zu einem Bild zusammen. Es lassen sich dieselben Muster beobachten, die ein internationales Forscherteam um das Hamburger Giga-Institut in Studien zur Zusammenarbeit von Diktaturen herausgearbeitet hat. Dieselben drei Formen des Austauschs: das Einsickern von Ideen, die Imitation von Strategien, und schließlich direkte Kooperation.

Soziale Medien und alternative Nachrichtenportale haben einen Echoraum geschaffen, in dem sich Ideen der Nationalisten schnell verbreiten. Die Ideologien kreisen überall um die gleichen Versatzstücke: Islamisierung, Political Correctness, Establishment, Bevölkerungsaustausch. Drei Viertel der Brexit-Befürworter halten Feminismus und Multikulturalismus für schädlich. Der polnische Außenminister fürchtet den "Mix der Kulturen und Rassen" ebenso wie Radfahrer und Vegetarier. Der deutsche Schmähbegriff "Lügenpresse" schaffte es vom Dresdner Schlossplatz bis in eine Rede des US-amerikanischen Neonazis Richard Spencer.

Ideen breiten sich also, erstens, aus, ohne dass jemand steuert. So gleichen sich Sprechweisen und Überzeugungen an.

Kopieren von Strategien

Wenn der russische TV-Sender RT seinen deutschen Ableger an den Start bringt, die US-Seite Breitbart ihre Expansion in Europa ankündigt und nun auch die österreichische Website Unzensuriert eine Version mit .de-Endung bespielt, kopieren sie dort Routinen der Meinungsmache, die sie anderswo erprobt und perfektioniert haben. Wenn Mitglieder der Identitären Bewegung auf das Brandenburger Tor klettern, wie im vergangenen Herbst, übernehmen sie damit eine Aktionsform aus den Nachbarländern Frankreich und Österreich. Dort haben Identitäre immer wieder Parteizentralen oder Moscheen besetzt. Wenn Ungarn aus dem Ausland finanzierte NGOs registrieren lassen will, lässt es sich von Russland inspirieren, so wie sich Polen im Kampf gegen Medien und Verfassungsgericht vieles von Ungarn abschaut. Und wenn die AfD den Satz "Weil wir für EUCH sind, sind sie gegen uns" plakatiert, kopiert sie damit fast wörtlich einen FPÖ-Slogan.

Politiker und Aktivisten imitieren also, zweitens, gezielt Strategien der anderen. So gleichen sich die Handlungsformen und Organisationen an.

Ein Netz persönlicher Kontakte

Erst auf dieser Grundlage entstand, drittens, ein mittlerweile dichtes Netz aus persönlichen Kontakten zwischen einigen Parteien. Dabei hatten sie lange davor zurückgeschreckt, sich zueinander zu bekennen.

Wilders, der öffentlich als Unterstützer von Juden auftritt, hielt den Front National auf Abstand – auch dann noch, als Marine Le Pen der Partei den offenen Antisemitismus bereits verboten hatte. Frauke Petry behauptete, die AfD habe mit dem Front National nichts gemein. Die AfD nämlich vertritt eine eher neoliberale Wirtschaftspolitik, der FN wünscht einen starken Staat. Und der Landesvorsitzende der NRW-AfD Marcus Pretzell wurde noch im März 2014 von seiner Partei verwarnt, weil er eine Veranstaltung besucht hatte, an der auch der britische Nationalist Nigel Farage teilnahm. Doch etwa zu dieser Zeit begann sich etwas zu wandeln.

Noch wachsen die Parteien erst zusammen

Damals deuteten Wilders und Le Pen erstmals eine Zusammenarbeit an. "Die Zeit, als die patriotischen Bewegungen gespalten waren, ist vorbei", sagte Le Pen. Dann ging es Schlag auf Schlag.

Vor zwei Jahren schlossen sich Front National und PVV unter anderem mit der FPÖ und der Lega Nord zur Fraktion "Europa der Nationen und der Freiheit" (ENF) im Europaparlament zusammen. Vor etwas mehr als einem Jahr riefen die bayerische AfD und die FPÖ eine "Blaue Allianz" aus. Kurz danach wechselte mit Marcus Pretzell der erste AfD-Politiker in die ENF. Wenige Monate darauf trafen sich Frauke Petry und Marine Le Pen zum ersten Mal. Und im Januar feierten die Parteien der ENF-Fraktion in Koblenz auf einem Kongress gemeinsam den Auftakt ins nationalistische Superwahljahr. Zum ersten Mal standen Le Pen, Wilders und Petry gemeinsam auf einer Bühne. Wenn es so etwas wie ein offizielles Gründungsdatum der Internationalen gibt, dann diesen 21. Januar 2017.

Nabel der Nationalisten ist Moskau

Anders als frühere Zusammenschlüsse ist die Fraktion bislang stabil. Stellvertretender Vorsitzender ist einer der umtriebigsten Netzwerker der Szene: Harald Vilimsky, einer der Generalsekretäre der FPÖ. Er begleitet FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache oft auf Auslandsreisen.

Diese Reisen verbinden den Kern der Internationalen mit ihrem wichtigsten Partner im Ausland: der russischen Regierungspartei Einiges Russland. Innerhalb von nur drei Monaten machte der gesamte Kern dieser Internationalen Putin seine Aufwartung. Eine FPÖ-Delegation um Strache und Vilimsky unterschrieb im Dezember in Moskau einen Kooperationsvertrag. Darin versprechen die Parteien unter anderem, die Jugend "im Geiste von Patriotismus" zu erziehen. Im Februar folgte eine AfD-Delegation um Frauke Petry, deren Sprecher Markus Frohnmaier, Chef der Jugendorganisation der AfD, ebenfalls schon in Moskau war. Im März zog der Chef der italienischen Lega Nord, Matteo Salvini, nach und brachte ein lang ersehntes Abkommen nach Hause. Schließlich traf sich kurz danach Marine Le Pen mit Putin. 

Auch Putin gewinnt

Noch wachsen die Parteien erst zusammen. Aber schon jetzt ziehen sie aus den Kontakten immer wieder Vorteile.

Die Parteien benötigen die Erfolge der anderen, vor allem aber die Kontakte nach Moskau, um zu belegen, dass sie nicht marginalisiert, dass ihre Ideen mehrheitsfähig und sogar regierungsfähig sind – obwohl ihr Wählerpotenzial gemessen an den Einstellungen der Europäer nicht wirklich gewachsen ist. Bewiesen ist, dass der Front National im Jahr 2014 einen Millionenkredit von einer russischen Bank erhielt. Unbestätigten Zeitungsberichten zufolge bemühte sich die Partei auch für den aktuellen Wahlkampf um Unterstützung. Schließlich, so sieht es aus, greifen mittlerweile sogar russische Hacker aktiv in die Politik anderer Staaten ein. Zugunsten der Nationalisten.

Russland wiederum gewinnt Einfluss in Staaten, deren gemäßigte Parteien auf Distanz zum Kreml gehen. Und Putin profitiert weiter: Vertreter etwa der FPÖ reisten 2014 als Wahlbeobachter auf die besetzte Krim. Sie halfen, das inszenierte Unabhängigkeitsreferendum dort zu legitimieren. Zudem stellt jeder Erfolg der Nationalisten die liberale Demokratie selbst in Frage und dient so dem Machterhalt der autoritären russischen Führung.

Nur: Kann diese Allianz halten? Ihre Gegner hoffen, sie sei eine Totgeburt. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt allerdings, dass es dafür wenig Anlass gibt. Es wäre nämlich nicht das erste Mal, dass sich in Europa eine stabile nationalistische Internationale formt.

Auch früher gab es schon nationalistische Internationale

In den Zwanzigern und Dreißigern geschah das schon einmal. Damals verbündeten sich Europas faschistische Parteien zunächst zu einer Faschistischen Internationalen, ohne Deutschland. Dann verbrüderten sich die beiden Großfaschismen Deutschland und Italien und machten das Format überflüssig. "Die Nationalismen schlossen sich keineswegs gegenseitig aus", sagt Hans Woller, Faschismusforscher am Institut für Zeitgeschichte in München.

Nachdem Benito Mussolini 1922 die Macht in Italien übernommen hatte, reisten Delegationen aus ganz Europa nach Rom. Faschistische Parteien bildeten Milizen nach italienischem Vorbild. Die Nazis kopierten sogar Uniformen und den erhobenen rechten Arm: Aus dem Römischen wurde der Hitlergruß. Mussolinis Partei schickte Geld nach Großbritannien, lieferte Waffen nach Österreich und bildete kroatische Milizen aus. Das ging gut zwei Jahrzehnte so.

Gemeinsamer Feind überdeckt Widersprüche

Aus dieser Zeit lässt sich etwas lernen über die Mechanismen, die Nationalisten dazu bringen, erfolgreich zu kooperieren. Trotz vieler Unterschiede zu heute. Teilweise sogar: wegen der großen Unterschiede zu heute. Denn damals waren die Nationalisten weitaus radikaler und brutaler. Sie hatten keine Skrupel, für das Vaterland zu töten. Trotzdem schafften selbst sie es, über viele Jahre enge Beziehungen zu pflegen.

Weil erstens Mussolini die Zusammenarbeit vorantrieb. Er wollte eine faschistische Welt und er ließ sie sich etwas kosten. Weil zweitens der Hass auf einen gemeinsamen Feind innere Widersprüche überdeckte. Der Feind, das waren neben Juden und Fremden, vor allem die liberale Demokratie auf der einen Seite und der Kommunismus auf der anderen. Weil drittens der Faschismus einen neuen Menschen erschaffen wollte und so völkische Konkurrenz ideologisch auflöste.

Zu viel Nähe kann auch gefährlich werden

Und viertens und vor allem, weil es sich lohnte. Die kleinen Bewegungen kamen nur so an Geld und Know-how, die Großen schufen sich abhängige Partner. Eroberungskriege in Osteuropa und Afrika versprachen Reichtum und Land.

Heute erreicht zwar kein nationalistischer Anführer Mussolinis Strahlkraft. Die Nationalisten Ungarns und Polens, der Niederlande und Österreichs sind zu schwach. Donald Trump ist mächtig, aber ein Dilettant. Die naheliegende Führungsfigur Marine Le Pen müsste erst einmal gewählt werden. Wladimir Putin ist in die Lücke gestoßen. Er mag eigene Ziele verfolgen, aber er hat den starken Anführer ins 21. Jahrhundert geholt und an seinem Gesellschaftsmodell richten sich andere Parteien aus.

Heute eint die Nationalisten der Hass auf Gender-Ideologen und Political Correctness, auf Feministen und die Elite, auf Einwanderer und vor allem auf Muslime. Der Ethnopluralismus, ein Konzept der neuen Rechten, das jeder Kultur ihren Platz zugesteht, aber jede Vermischung verteufelt, fängt die verbliebenen Widersprüche ideologisch auf.

Und vor allem können sie auch heute etwas für sich herausschlagen: Kein Stück des Balkans zwar, aber Zugriff auf die Ressourcen des Staates. Wieder ist Wladimir Putin das Modell: Er ist als Präsident zu sagenhaftem Reichtum gelangt.

All das spricht dafür, dass die nationalistische Internationale fortbestehen kann. Sollte sie doch zerbrechen, dann gerade, weil sich ihre Mitglieder zu nahe sind. Weil sie ihr Schicksal damit so eng aneinander ketten, dass sie einander auch nach unten reißen könnten. Wenn sie denn irgendwann einmal fallen.